In tempore belli

Desinformation als Waffe im politischen Meinungskampf

Fr.-So., 22.–24. Oktober 2004, Loccum, Evangelische Akademie
In den politischen Meinungskämpfen, die der Entscheidung zum Krieg gegen den Irak vorausgingen und diesen Krieg dann begleitet haben, wurden systematisch und gezielt ungesicherte Behauptungen, fragwürdige Wahrnehmungen und Erkenntnisse oder vage Verdächtigungen als gesichertes Wissen ausgegeben. Es gab Desinformationen, Verdrehungen und Lügen. Auf der Strecke blieben Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Aber auch die Demokratie und die Organisation der politischen Beteiligung nahmen schweren Schaden. Und nicht zuletzt stehen die professionellen Standards der Geheimdienste zur Diskussion.

Im Dialog zwischen Theoretikern und Praktikern aus unterschiedlichen Handlungs- und Verantwortungsbereichen soll die Praxis politischer Kommunikation in demokratischen Staaten, die Kriege vorbereiten oder führen, vor dem Hintergrund jüngster Erfahrungen analysiert werden.

Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und wie Regierungen absichtsvoll durch Manipulation und gezielte Desinformation politische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse zu beeinflussen suchen. Dabei wird zu differenzieren sein, wie diese falschen Behauptungen und Einschätzungen jeweils zustande kommen, wie sie eingeführt und vertreten werden, welche Bedeutung ihnen zukommt und welche Wirkung mit ihnen im politischen Meinungskampf erzielt wird.

Aber die Tagung wird sich nicht auf Analyse, Wertung und Anklage beschränken: Es soll insbesondere erörtert werden, wie ein Einsatz von Desinformationen im politischen Meinungskampf aufgedeckt und wie ihm wirksam begegnet werden kann. Zu fragen ist auch, wie die Medien – als Adressaten der politisch gesteuerten Manipulation – sich gegen dieses moderne Instrument der Regierungskommunikation abschotten können. Letztlich zielen diese Fragen auf den Schutz eine aufgeklärten Demokratie und auf die Verpflichtung aller politischen Rationalität auf die Wahrheit.

Konferenzprogramm

Freitag, den 22. Oktober 2004
  • 14:00 Begrüßung und Tagungseröffnung
    Prof. Dr. Jörg Calließ, Evangelische Akademie Loccum
  • 14:15 Demokratie im Krieg
    • Von Informationsansprüchen und Kommunikationskultur
      Prof. Dr. Georg Ruhrmann, Kommunikations- und Medienwissenschaftler, Universität Jena
    • Die Rolle von Medien im (demokratischen) Kriegsdiskurs
      Heinz Loquai, Brigadegeneral a.D., Buchautor, ehem. Mitglied der deutschen OSZE-Mission in Wien, Meckenheim
  • 16:00 Information – Desinformation – Manipulation
    • Die Einflussnahme von Politikern und Militärs auf Meinungskämpfe vor und während dem Irak-Krieg
      Feststellungen und Thesen
      • Christoph Maria Fröhder, ARD-Fernsehautor und Sonderkorrespondent, Frankfurt/Main
      • Otfried Nassauer, Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS), Berlin
      • Jürgen Rose, Oberstleutnant und Publizist, München
  • 19:30 Information – Desinformation – Lüge
    • Die Einflussnahme auf Meinungsbildungsprozesse und Wahlentscheidungen in Spanien nach dem 11.03.2004
      Feststellungen und Analyse
      • Dr. Ulrike Borchardt, Politikwissenschaftlerin, Forschungsstelle Kriege, Rüstung, Entwicklung an der Universität Hamburg
      • Ergänzungen und Einschätzungen
        Dr. Juan Gutierrez, Friedensforscher, Gernika Gogoratuz, San Sebastian José Comas, Korrespondent von El Pais, Madrid/Berlin
Samstag, den 23. Oktober 2004
  • 09:30 Die Arbeit der Geheimdienste und ihre Rolle bei den Meinungsbildungsprozessen in Regierung, Parlament und Öffentlichkeit
    Kurzreferate von
    • Hans Leyendecker, Journalist und Buchautor, Süddeutsche Zeitung, München
    • Volker Neumann, MdB, Stellv. Vors. des Parlamentarischen Kontrollgremiums der nachrichtendienstlichen Tätigkeit des Bundes, Berlin
    • Oliver Schröm, Fernseh- und Buchautor, Hamburg
    • Ernst Uhrlau, Ministerialdirektor, Koordinator der Geheimdienste, Bundeskanzleramt, Berlin
  • 13:20 Gelegenheit zur Besichtigung des Zisterzienser-Klosters Loccum (gestiftet 1163)
  • 16:00 Die Arbeit der Medien in Zeiten systematisch betriebener Regierungspropaganda und professionell inszenierter Kommunikationskriege
    Kurzreferate von
    • Jo Angerer, Redakteur, Redaktion “die Story”, Westdeutscher Rundfunk, Köln
    • Dr. Thymian Bussemer, Kommunikations-wissenschaftler, Persönlicher Referent der Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder
    • Andreas Zumach, Korrespondent der taz und verschiedener Zeitungen und Rundfunksender bei der UNO, Genf
  • 19:30 Die Demontage der Weltordnung Das Public Diplomacy Konzept kriegswilliger Regierungen und seine Wirkung auf Völkerrecht, Vereinte Nationen und Weltöffentlichkeit
    • Dr. jur. habil. Hans-Joachim Heintze, Völkerrechtler, Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht, Ruhr-Universität Bochum
    • John Prados, senior fellow, National Security Archive, Washington
    • Hans-Christoph Graf von Sponeck, ehem. UN-Koordinator und beigeordneter UN-Generalsekretär im Irak, Genf
Sonntag, den 24. Oktober 2004
  • 09:30 Wie kann die Wahrheit geschützt werden? Konzepte und Instrumente zur Aufdeckung von Desinformation und Manipulation in Zeiten des Krieges
    Ideen und Vorschläge
    Prof. Dr. Hans-Peter Schneider, Verfassungsrechtler, Universität Hannover
    Diskussion mit
    • Dr. Thomas Leif, Chefreporter, Fernsehen SWR, Vorsitzender des Netzwerkes Recherche, Mainz
    • John Prados, senior fellow, National Security Archive, Washington
    • Prof. Dr. Jürgen Seifert, Jurist und Politikwissenschaftler, Universität Hannover
  • 12:20 Ende der Tagung

Weitere Informationen:

Einladung und Programm: nr-Fachkonferenz "In tempore belli" (5 S., 305 KB) [PDF]


 

Lesen Sie hier im nr-Online-Magazin.

 

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