"Eine gute Story schlägt immer eine komplizierte Wahrheit"

Geschäft in der Grauzone: Der Einfluss von Lobbyisten wird in Brüssel und Berlin immer größer / Hilft ein Ehrenkodex oder ein Pflichtregister?

Konferenzbericht von Tina Groll
nr-Konferenz "In der Lobby brennt noch Licht"Sie sind überall: Interessensvertreter wenden sich an Abgeordnete, Verwaltungsbeamte und Journalisten. Die oft finanzstarken Lobbyisten manipulieren das Meinungsklima durch strategische PR, offensive Kampagnen und subtiles Sponsoring.

BERLIN. Sie wollten "Brücken bauen und Vorurteile ausräumen". Ein bisschen wie ein Schüleraustauschprogramm sollte die Sache mit den Leihbeamten sein. Jetzt gilt das Personalaustauschprogramm "Seitenwechsel" zwischen den Bundesministerien und der Wirtschaft als gescheitert. Das räumten die Initiatoren des Programms, Reinhard Timmer, Abteilungsleiter der Verwaltungsmodernisierung im Bundesinnenministerium, und Tessen von Heydebreck, Vorsitzender der Deutsche Bank Stiftung, auf der bislang größten Fachkonferenz der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche (nr) über den Einfluss von Lobbyisten auf Politik und Medien in Berlin ein.

Mehr als 220 Journalisten, Lobbyisten sowie Vertreter aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten an zwei Tagen über die Arbeitsweisen und Wirkung von Lobbyismus an Fallbeispielen wie dem Seitenwechsel-Programm.

Nicht ganz so harmlos wie ein Schüleraustauschprogramm Seit 2004 haben über hundert Mitarbeiter von Unternehmen wie Daimler-Chrysler, BASF Deutsche Bank oder Bayer im Bundesinnenministerium, im Gesundheits-, Finanz-, Umwelt- und Forschungsministerium gearbeitet – bezahlt wurden sie während ihres Einsatzes von ihren Unternehmen. Mit Lobbyismus habe das nichts zu tun, stattdessen gehe es um Verständnis für die jeweils andere Seite, ein Weiterbildungsprogramm sozusagen, erklären die Initiatoren.

Durchschnittlich seien sie drei Monate tätig gewesen, einige aber auch mehrere Jahre, sagt der Journalist Sascha Adamek, der gemeinsam mit dem Fernsehjournalisten Kim Otto das Buch seine Recherchen in dem Buch "Der gekaufte Staat" veröffentlich hat. In vielen Fallbeispielen konnten Adamek und Otto nachweisen, dass die Konzerne eigene Führungskräfte in die Ministerien sandten, die gezielt Unternehmensinteressen durchsetzen sollten. Ob Mitarbeiter von Daimler-Chrysler, die an der LKW-Maut mitgearbeitet haben sollen oder BASF-Führungskräfte, die sich in Brüssel als Ministerbeamten ausgegeben und zu Hintergrundgesprächen über Chemiestoffe eingeladen haben sollen – das Fachwissen des Leihpersonals war freilich gefragt, heißt es von den Verantwortlichen. Genauso wie das Fachwissen der Beamten in den Unternehmen. Aber gerade einmal zwölf Beamte aus den Ministerien wurden in der Wirtschaft eingesetzt. "Ein Austauschprogramm sieht anders aus", findet Sascha Adamek.

 

Einzelfälle oder Systematik?

Der Kritik an dem Personalaustauschprogramm hat sich nun eine Studie des Bundesrechnungshofes angenommen. Sie kommt zu dem Schluss, dass ein systematisches Vorgehen zur Vermeidung eines Interessenskonfliktes "nicht sichergestellt ist". Im Juni hat das Kabinett eine Verwaltungsvorschrift zum Einsatz der Leihbeamten beschlossen – jetzt sind noch drei Beamte im Einsatz. Dass "Seitenwechsel" die Möglichkeit zur ungehemmten Einflussnahme gewesen war, bestreitet Reinhard Timmer indes noch immer: "Die Vorstellung, ein Vertreter aus einem Unternehmen schriebe allein ein Gesetz, ist weit weg von der Wirklichkeit."

"Lobbyismus findet nicht in Hinterzimmern statt" ist ein Satz, den die Lobbyvertreter auf der Konferenz häufig sagen. Berlins Wirtschaftssenator Thilo Sarrazin (SPD) hält dagegen. In seinem Referat sorgt der Politiker für Wirbel. Er behauptet, im Falle der Bahnreform, deren Gegner der Politiker ist, habe die Bahn das Gesetz quasi im Alleingang gemacht: "Das Bahngesetz wurde von den Anwaltsbüros der Bahn geschrieben! Wir wurden gezielt ausgeschaltet. Ich hatte keine Adressaten mehr." Der Wirtschaftssenator traut der Deutschen Bahn einiges zu. Das Unternehmen habe sich Journalisten gekauft, "kritische Berichterstattung ist mit Anzeigenentzug beantwortet worden, die Bahn hat sich willfährige Schreiber herangezüchtet und ein bezahltes Lobbyistennetzwerk in allen Parteien aufgebaut", behauptet Sarrazin. "Eine gute Story besiegt immer eine komplizierte Wahrheit", bricht der SPD-Politiker die Lobbyarbeit auf einen Satz herunter.

"Wir beraten doch nur"

"Eine Information muss eingängig sein", sagt Mirjam Stegherr, Leiterin des Berliner Büros der Agentur FischerAppelt Kommunikation. Auf die Kritik an ihrer Macht ohne Mandat reagieren die Profis des Lobbygewerbes mit demonstrativem Understatement: "Wir liefern nur Informationen", sagt Jobst-Hinrich Wiskow, ehemaliger Redakteur beim Finanzmagazin "Capital" und heute Pressesprecher vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). "Wir machen ja keine Politik, wir machen nur Politikberatung", spult auch Cornelia Yzer herunter. Bis 1998 war sie Bundestagsabgeordnete der CDU, dann wechselte die Seiten und ist heute Hauptgeschäftsführerin des Bundesverband der forschenden Arzneimittelhersteller eine Top-Lobbyistin.

Das harmlose Informieren sieht in Zahlen so aus: Mehr als 5000 registrierte Lobbyisten gibt es in Brüssel, mehr als 3000 in Berlin. Doch allein Greenpeace hat nur einen kleinen Teil seiner Mitarbeiter in Brüssel angemeldet. "In Brüssel und Berlin tummeln sich Zehntausende. Ihre Zahl ist so hoch, dass eine systematische Untersuchung nicht möglich ist", sagt Gerd Mielke, Professor an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. 16.000 nimmt er allein für Brüssel an, vermutlich sei die Zahl noch höher. "Mit den Veränderungen im politischen System haben sich auch die Formen des Lobbyismus verändert", erklärt der Experte.

Waffenungleichheit und Personalverflechtungen
Partikularinteressen zu vertreten und sich damit an Mandatsträger und Medien zu wenden, sei nicht verwerflich, "sondern gehören in einer Demokratie zum notwendigen Wechselspiel freier politischer Meinungsbildung", verdeutlicht die Bundesverfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt. Problematisch sei aber "die Waffenungleichheit" zwischen den Interessensvertretern: "Wenn Wirtschaftsverbände ihre ökonomische Macht ausspielen und schlimme Konsequenzen für Arbeitsplätze und Staatsfinanzen an die Wand malen", habe dies eine andere Brisanz, als wenn ein Elternverein bessere Bildungschancen fordere. Subtil sei der Einfluss durch externe Berater, Expertenrunden oder Kommissionen. "Dabei nimmt man stillschweigend in Kauf, dass der eingekaufte Sachverstand von Eigeninteressen geleitet ist, oder man setzt das staatliche Interesse mit den privaten Interessen, die hinter dem eingeholten externen Rat stehen, einfach gleich", kritisiert die Juristin. Neutrale Fachleute zu finden, sei schwer, "weil viele Experten längst schon für bestimmte Interessentengruppen gutachtlich tätig geworden sind und dort auf den Honorarlisten stehen", erklärt sie.

So wurde das Leihbeamten-Programm von der Hertie School of Governance evaluiert und für gut befunden. "Die Hertie Stiftung ist aber ebensowenig wie die Bertelsmann Stiftung wirklich unabhängig", kritisiert Albrecht Ude vom Netzwerk Recherche. "Industrieunternehmen und Wirtschaftsverbände treten gerne als Wohltäter auf. Sie spenden Gelder und bauen um sich herum ein Netzwerk moralischer Schuldner auf. Das ist subtiler und auf Dauer auch effizienter als die platte Bestechung", behauptet der Autor Dietmar Jazbinsek, der sich lange mit den Lobbystrategien von Unternehmen beschäftigt hat.

Was tun? Sascha Adamek glaubt, dass der Staat gefragt sein muss: "Entgegen der Ideologie des schlanken Staates sollte man Ministerien auch mit teuren Expertisen ausstatten." Regierende und Abgeordnete müssten schlicht dem Einfluss widerstehen, fordert Bundesverfassungsrichterin Hohmann-Dennhardt.

Gar nicht so einfach findet das der Bundestagsabgeordnete Lothar Binding (SPD). Die Flut der Informationen der vielen Verbände, Unternehmen, Institute, Organisationen und Vereine sei überwältigend. Noch viel schwerer sei es, "vernünftige Entscheidungen gegen die veröffentlichte und öffentliche Meinung zu treffen", meint er. Denn die Palette subtiler Methoden der Lobbyisten ist groß: "Sich die Gunst von Politikern wie Journalisten mit Kongressen in schönem Ambiente zu erwerben, ist nur eine Variante. Noch erfolgversprechender ist es, sich die Bedürfnisse der Politik, die Schwächen, Eitelkeiten und Profilierungswünsche von Politikern zu Nutze zu machen", erzählt Christine Hohmann-Dennhardt. Hinzu kommt die personelle Verflechtung: Abgeordnete in den Aufsichtsräten von Unternehmen sind wie die sich zur Wahl stellenden Verbandsvertreter eine seit langem praktizierte Variante.

Aber auch die klassischen Aufgabe der Lobbyisten bleiben wichtig: Kontaktpflege und direkte Beeinflussung der politischen Entscheidungsträger und -prozesse. Das beginnt bei der Verlagerung der Entscheidungen in kleinere Gremien, zu denen nicht alle Interessenvertreter Zugang haben. So stellt Matthias Corbach, Doktorand an der Forschungsstelle für Umweltpolitik (FFU) der Freien Universität Berlin, für das Gesetz zum Emissionshandel fest: "Ab Mitte 2003 verlagerte sich der Aushandlungsprozess um die Einführung des Emissionshandels in Deutschland in immer kleinere Gremien. Die entscheidenden Gespräche erfolgten in einer Staatssekretärsrunde, in der Gewerkschaften und NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) nicht mehr vertreten waren. Die Gespräche sollten vollkommen intern bleiben."

Das etwas andere Demokratieverständnis

Von Manipulation und Agieren könne überhaupt keine Rede sein, streitet Jürgen Hogrefe, Generalbevollmächtigter von Energie Baden-Württemberg (EnBW), ab. Seines Erachtens nach sei auch jeder Parlamentarier "ein Lobbyist für seinen Wahlkreis." Dass die Abgeordnete als gewählte Vertreter dafür durch ihr Mandat legitimiert sind, spielt für Hogrefe offenbar eine untergeordnete Rolle. Auch Interessensvertreter hätten einen Verfassungsauftrag, meint der Lobbyist: "Energieunternehmen betreiben Daseinsvorsorge. Damit stehen wir in gesellschaftlicher Verantwortung." Wenn es nach der Auffassung von Lobbyisten wie Jürgen Hogrefe geht, seien Unternehmen sogar "Bürger der Zivilgesellschaft." Die EnBW würde schließlich die Interessen ihrer 20.000 Mitarbeiter vertreten.

Dieses feudalistische Demokratrieverständnis könnte sich womöglich bald in einem Ehrenkodex der Lobbyisten ausdrücken. Denn neben einem Register für Interessensvertreter soll auch ein Verhaltenskodex für mehr Transparenz sorgen oder die Einführung einer "legislativen Fußspur, die auflistet, wer bei der jeweiligen Gesetzgebung mitgewirkt hat", schlägt Cornelia Yzer vor.

Kodex + Register = Transparenz?

Der Geschäftsführer der Anti-Lobbyismus-Organisation Transparency International, Christian Humborg, glaubt, dass ein Register nur dann Transparenz schaffen könnte, wenn die Lobbyorganisationen ihre Interessen und die Höhe ihres Budgets offen legen müssen – und wenn das Register an einen Kodex geknüpft ist. Lobbyismusexperte und SPD-Bundestagabgeordneter Michael Hartmann geht davon aus, dass die Interessensvertreter bei vehementen Forderungen nach mehr Transparenz vorsichtiger werden könnten. "Aber sie werden noch subtiler agieren", warnt der Abgeordnete. Und dann könnte es nicht nur ums "Brücken bauen" gehen. Sascha Adamek hofft, dass die Medien ihre Kontroll- und Wächterfunktion wieder verstärkt wahrnehmen. Seine Recherchen über die Leihbeamten waren wirkungsvoll. Diesem Beispiel sollen nun andere Journalisten folgen. Immerhin seien besonders die Journalisten gefragt – in diesem Punkt waren sich Politiker, Lobbyisten und Medienvertreter einig.

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