Formatentwicklung im politischen Fernsehjournalismus

Formatentwicklung im politischen Fernsehjournalismus / von Fritz Wolf. Herausgegeben vom MainzerMedienDisput. - Düsseldorf, November 2005. - 50 S. (PDF-Datei, 50 S., 546 KB)
MMD-Dossier 2005: Formatentwicklung im politischen Fernsehjournalismus

Zehn Thesen zu Formaten im politischen Journalismus

  1. Rigide Quotenorientierung, mangelnde Innovations- und Risikobereitschaft, damit verbunden sinkende Programmqualität, die „Diktatur des audience flow“ und unflexile Programmschemata – das sind die strukturellen Ursachen dafür, dass der politische Fernsehjournalismus seit Jahren nichts wirklich Neues mehr hervorgebracht hat.
  2. Die meisten politischen Fernsehformate decken wichtige Themen nicht mehr ab. Sie bilden die politische Realität in wichtigen Sektoren nicht angemessen und nicht ausreichend komplex ab. Das gilt besonders fürThemen aus der Wirtschaft.
  3. Wichtige Ursache für mangelnde Innovation sind einseitige Wirtschaftsbeziehungen zwischen Sendern und Produzenten. Die Sender bestimmen die Regeln, der Käufermarkt dominiert. Strukturen und Geschäftsmodelle müssen so verändert werden, dass viele kleine, aber wirtschaftlich lebensfähige Produzenten ihre Ideen umsetzen können. Wer von der Hand in den Mund lebt, kann nicht kreativ sein.
  4. Förderung von Vielfalt, in Themen und Handschriften, ist eine kulturelle Aufgabe der Politik.
  5. In den dokumentarischen Langprogrammen haben sich langsam, aber merkbar die Themengewichte verschoben und verschieben sich weiter, und zwar weg von politischen Themen, hin zu Alltag, Lebenswelt, Dienstleistung, Konsum.
  6. In den Dokumentationen von ARD und ZDF in der Prime-Time spielen wichtige soziale Themen, wie sie beispielsweise den Wahlkampf bestimmten, kaum eine Rolle. Von der politischen und gesellschaftlichen Realität halten ARD und ZDF sich auf diesen wichtigen und publikumsträchtigen Dokumentationsterminen ziemlich fern.
  7. Hätte die ARD den Politik-Magazinen, statt sie zu kürzen, mit einem anderen Ausstrahlungsrhtymus eine längere Sendezeit zur Verfügung gestellt, dann hätten dort auch neue Formen ausprobiert neue Konzepte entwickelt und gestalterischer Spielraum gewonnen werden können. Die Chance wurde verspielt.
  8. Es gehört zu den erstaunlichen Phänomenen im Fernsehen, dass in den letzten Jahren politische Stoffe von den journalistischen Formaten weggewandert und in die Fiktion eingewandert sind. Das kann man auch als Reaktion auf das Versagen des politischen Fernsehjournalismus werten.
  9. Das Fernsehen übernimmt Schritt für Schritt die Interpretationshoheit und überzieht alles Reale mit einem Netzwerk von Fiktionen. Es setzt Charakterfragen an die Stelle von politischen Programmen, Intrigen an die Stelle widerstreitender Interessen und erklärt Macht zu einer Kategorie des Psychologischen. Fernsehen hat Politik so lange personalisiert, dass es jetzt anfangen kann, Politiker zu fiktionalisieren.
  10. Das TV-Wahlduell ist selbst schon eine fiktionale Form. Es handelt sich um ein rein virtuelles Arrangement und ist aus dem Kino bekannt. Das Duell ist die Reduktion des Begriffs von Politik auf ein Fernsehformat. und eine unterkomplexe Form von Politainment.

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
2. Problemaufriss: Stand. Stillstand. Bewegung?
2.1. Krisensymptome
2.2. Viel Sendungen, wenig Abwechslung
2.3. Steigender Orientierungsbedarf?
3. Die Fakten: Produktionsstrukturen und Programmleistungen
3.1. Sender, Produzenten und Tagelöhner
3.2. Einseitige Marktverhältnisse
3.3. Förderung der Vielfalt notwendig
3.4. Informationsprofile
3.5. Themenprofile
3.6. Abkehr vom Kontrovers-Politischen
4. Die Strukturen: Gefrustet und gefrostet?
4.1. Kleine nichtrepräsentative Umfrage
4.2. Strukturelle Hindernisse: Programmschema und audience flow
4.3. Hierarchie und Innovation
5. Die Formate
5.1 Die Prime-Time-Doku
5.2. Talk: Aufsteiger, Absteiger
5.3. Magazine: Das Erwartbare
5.4. Reportage: Das Geläufige
6. Auswege, Umwege
6.1. Hybride, Grenzgänger und Ausreißer
6.2. Im Reich der Fiktionen
7. Interviews
7.1. Eine Tagelöhnerbranche. Der Medienforscher Horst Röper
7.2. Über das Es-Stört-Keinen-Fernsehen. Der Formatentwickler Friedrich Küppersbusch
7.3. Für uns ist Quote kein Schimpfwort. Wie "Hart, aber fair" funktioniert. Ansager & Schnipselmann, Frank Plasberg und Jürgen Schulte

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