Salto Lokale

Das Chancenpotential lokaler Öffentlichkeit. Zur Lage des Lokaljournalismus

Salto Lokale : Das Chancenpotential lokaler Öffentlichkeit. Zur Lage des Lokaljournalismus / von Fritz Wolf. Herausgegeben vom MainzerMedienDisput zum 15. MMD am 24./25.11.2010 "Örtliche Betäubung und bestellte Wahrheiten - Wenn Öffentlichkeit amputiert wird"
Mainz, November 2010. - 68 S.
(PDF-Datei, 68 S., 1.919 KB)
MMD-Dossier 2010: Salto Lokale

Zusammenfassung

Der Printjournalismus ist seit Jahren in der Krise. Zeitungen verlieren Auflage. Das gilt in Deutschland nicht für alle Blätter, auf jeden Fall aber für Regional- und Tageszeitungen. Sie sind bisher die offensichtlichen Verlierer der Zeitungskrise. Diese Entwicklung ist bedenklich, dann damit gehen nicht nur journalistische Arbeitsplätze verloren, sondern auch demokratisches Potential. Lokaljournalismus, in welcher Form auch immer, ist eine wichtige Voraussetzung für politische Meinungsbildung und für politische Teilhabe.

Allerdings darf man den Lokaljournalismus nicht über einen Leisten schlagen. Lokal ist nicht gleich lokal. Jede Stadt, jede Region hat ihre Eigenheiten, die die Lokalzeitung mit ihren Mitteln aufgreifen muss. Patentrezepte liegen nicht vor, aber verschiedene Beispiele, wie Redaktionen kreativ agieren können.

Es ist Usus, dass in Festreden und Erklärungen die Verlage von notwendiger journalistischer Qualität sprechen. In der Realität fahren sie aber oft einen einschneidenden Sparkurs, schließen Lokalredaktionen, bauen Personal ab oder scheren aus Tarifverträgen aus. Aber Qualität ist nicht möglich, wenn die Arbeitsbedingungen schlecht, die Redakteure unterbezahlt und die Freien mit Niedrighonoraren abgespeist werden. Dass sich durch Personalabbau mehr Qualität erreichen ließe, ist eine Lüge.

Der Umbruch hat einen Namen: Internet. Inzwischen haben fast alle Verlage ihren Lokalredaktionen auch Online- Auftritte zugesellt, in unterschiedlicher Konzeption. Zeitungsverlage verwandeln sich in Medienhäuser, die ihre Produkte multimedial herstellen und vertreiben. Allerdings reicht die bloße Umbenennung in Medienhäuser nicht aus. Die Unterschiede zwischen Print und Online sollten genau definiert sein. Jedes Medium braucht sein Recht und seine Möglichkeiten.

Lokaljournalismus kann eine wichtige kommunal- oder regionalpolitische Aufgabe erfüllten. Dazu ist aber ein Perspektivenwechsel nötig. Lokalredaktionen sind in den politischen Alltag eingebunden. Damit sind sie auch häufig in Gefahr, den regionalen und lokalen Autoritäten zu nahe zu stehen. Lokalzeitungen brauchen dringend einen Perspektivwechsel: auf Augenhöhe mit dem Leser und nicht auf Augenhöhe mit den lokalen Autoritäten. Das ist die einzige Garantie, auch das Interesse der Leser für Kommunalpolitik zu bewahren und zu gewinnen und damit den demokratischen Auftrag zu erfüllen. Klüngel, Filz und Korruption sind Herausforderungen, die Lokalredaktionen zu häufig nicht annehmen.

Wie Wissenschaftler zeigen, fehlt es in vielen Lokalredaktionen am journalistischen Know-how – ein Umstand, der nicht den Redakteuren, sondern oft der Ausbildung und oft der Praxis unter einengenden Bedingungen geschuldet ist. Lokalzeitungen müssen sich auch darin verändern: mehr Kommentare, mehr Reportagen, mehr persönlich adressierbarer Journalismus. Vielfalt in allen journalistischen Formen ist auch im Lokalen eine wichtige Möglichkeit, Leser zu halten und zu gewinnen.

Das gilt ebenso für die Themen. Eine gute Lokalzeitung darf sich weniger denn je die Themen vor die Nase setzen lassen. Sie muss ihre Geschichten selbständig entwickeln und nach eigener Agenda behandeln. Recherche im Lokalen ist dabei zwar schwierig, aber unabdingbar und vor allem auch möglich. Allerdings bedarf es dazu auch einer ausreichenden personellen und finanziellen Ausstattung der Redaktionen. Recherche braucht Anstrengung im Kopf und Anstrengung in der Organisation, ist aber möglich auch ohne Watergate- Ausstattung.

Online ist das große Thema für Lokalzeitungen. Ohne diesen Weg zu den tatsächlichen oder potentiellen, den verlorenen oder zu gewinnenden Lesern wird Lokaljournalismus keine Zukunft haben. Auf diesem Gebiet ist alles im Fluss und viele Fragen sind offen. Wie man es hinkriegt, für kleine Städte einen attraktiven lokalen Online-Auftritt hinzulegen, kann zum Beispiel derzeit niemand genau sagen. Sublokaler aber auch subkulturelle Zugänge eröffnen neue Chancen. In einigen Kommunen haben unabhängige lokale Blogs begonnen, sich publizistisch in die Politik einzumischen. Manche sehen darin eine Chance, dem Lokaljournalismus auf die Beine zu helfen. Weil in vielen Kreisen ohnehin nur noch eine einzige Zeitung erscheint, könnte ein lokaler Blog die Konkurrenz belegen. Blogs können Ergänzung zum lokalen Journalismus sein, professionellen Journalismus aber nicht ersetzen. Nach bisherigem Erfahrungsstand sind unabhängige Blogs keine wirkliche publizistische Konkurrenz. Der zentrale Faktor im Lokaljournalismus ist der Leser. Derzeit arbeiten die meisten Lokalredaktionen heftig daran, die Verbindungen zu den Lesern zu verdichten, neu zu knüpfen und als interaktiven Dialog ganz neu zu gestalten. Die Wissenschaftler sagen, dass die Leser von ihrer Lokalzeitung informiert und unterhalten werden wollen. Das Lokale ist den Lesern das Wichtigste, aber sie wollen auch den Überblick. Und selbst wenn sie sich inzwischen so manche Information auch aus dem Internet besorgen, wollen sie diese in ihrer Zeitung auch finden können, notfalls und aus Gewohnheit. Zugleich erwartet eine Minderheit von Lesern auch aktivere Kommunikation, an der sie sich selbst beteiligen können. So haben es jedenfalls die Wissenschaftler herausgefunden.

Derzeit werden viele Verbindungen zu den Lesern über Blogs hergestellt. Einige sehen eine Perspektive in der Einbeziehung der Leser als Autoren und als Zulieferer, als Bürger- Reporter oder Bürger-Journalist. Auf diesem Feld sind viele Spielarten zwischen pseudopartizipartiven Angeboten und seriöser Teilhabe an der öffentlichen Kommunikation zu finden. Die Entwicklung ist zukunftsoffen. Das Lokale als das Alleinstellungsmerkmal nach vorn zu stellen, nach dieser Devise handeln derzeit nahezu alle Redaktionen. Sie ziehen daraus allerdings unterschiedliche Schlussfolgerungen, bis dahin, dem Lokalen absoluten Vorrang zu geben. Aber Lokal first hilft auch nur, wenn im Lokalen auch relevanter Stoff bearbeitet wird. Was relevant ist, hängt ebenso von der Position der Zeitung ab, von spürbarer Nähe zum Leser und von ausreichender Besetzung der Redaktionen.

Prognosen sind bekanntlich schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Dieser Report führte zu einer Vielfalt von Überlegungen auf unterschiedlichen Ebenen. Stärkere Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und redaktioneller Praxis, notwendige Aufwertung von Lokaljournalismus in den Verlagen selbst, in Image wie in Entlohnung, entschleunigter und experimenteller Journalismus, Konzentration auf eine Kernzielgruppe, die noch durch Print zu erreichen ist – das sind nur einige Vorschläge. "Lokaljournalismus ist kein minderwertiger Journalismus, Lokaljournalismus ist Premiumjournalismus" sagte Herbert Knur, Direktor der Akademie der Bayrischen Presse, vor österreichischen Kollegen. Der Einsicht müsste jetzt nur noch die Praxis folgen.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort (S. 5)
Zusammenfassung (S. 6)

  1. Krisenverlierer Lokaljournalismus: Der Stand der Dinge (S. 7)
  2. Lokal ist nicht gleich lokal: Lob der Differenz (S. 11)
  3. Editoren, Reporter und Freie: Die neue Arbeitsteilung und ihre Folgen (S. 13)
  4. Das Kreuz mit dem Kreuzmedialen (S. 16)
  5. Verschwinden die Hofberichter und Terminjäger? Lokaljournalismus und die lokale Politik (S. 22)
  6. Auch mal einen Kommentar oder: Etwas mehr Handwerk bitte (S. 24)
  7. Recherche ist machbar, Herr Nachbar (S. 25)
  8. Globales Netz - lokal und sublokal? (S. 26)
  9. Konkurrenz macht munter: welche Rolle spielen lokale Blogs? (S. 28)
  10. Alle Macht den Lesern: von Watchblogs und Bürgerreportern (S. 31)
  11. Lokal zuerst oder: Was steht im ersten Buch? (S. 35)
  12. Zukunft des Lokaljournalismus: Ob Papier oder Online - Qualität entscheidet (S. 38)
  13. Interviews (S. 41)
    • Prof. Dr. Michael Haller: Institut für Praktische Journalismusforschung (S. 41)
    • Prof. Dr. Günther Rager: Universität Dortmund (S. 43)
    • Annika Sehl: Universität Dortmund (S. 45)
    • Peter Burger: Rhein-Zeitung (S. 46)
    • Lutz Feierabend: Kölner Stadt-Anzeiger (S. 47)
    • Claus Morhart: Main-Echo (S. 49)
    • Horst Seidenfaden: Hessische/Niedersächsische Allgemeine (S. 51)
    • Berthold L. Flöper: Bundeszentrale für Politische Bildung (S. 52)
    • Michael Konken: Deutscher Journalistenverband (S. 54)
    • Ulrike Maercks-Franzen: Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (S. 55)
    • Stefan Laurin: Ruhrbarone (S. 56)
    • Thomas Rodenbücher: xtranews (S. 57)
    • Frank Biermann: medienmoral-nrw (S. 58)
    • Volontäre von Lokalzeitungen: (S. 59)
      • - Jan Millenet: Südhessische Verlagsgesellschaft
      • - Florian Heinz: Göttinger Tagblatt
      • - Christian Bohnenkamp: Neue Presse HannoverLiteratur (S. 62)
Quellenverzeichnis (S. 63)

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Weitere Informationen:

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