Gründung des netzwerk recherche
Tagung „Recherchierender Journalismus in Deutschland“
Rundgespräch zum Thema: „Investigativer Journalismus in Deutschland“
Hans Leyendecker: Journalismus ist nicht nur Broterwerb, sondern man hat auch eine Vorstellung von den Dingen, wie sie ungefähr laufen sollten. Mich hat es dabei in den recherchierenden Bereich verschlagen, und jetzt versuche ich, das wenige, was ich kann, an einige junge Leute weiterzugeben, das heißt also, z.B. an Universitäten zu gehen. Ich veranstalte mittlerweile viele Ausbildungsseminare, bei denen ich mit den jungen Leuten darüber rede, was sie bisher gemacht haben und wohin es gehen soll. Ich habe einige Male in Amerika die Erfahrung gemacht, dass ich mich dort sehr geniert habe, wenn die amerikanischen Kollegen über ihre Arbeit, z.B. wie eine Recherche aussieht, berichteten. Ich erinnere mich dabei immer noch an eine wunderbare Kollegin aus Phoenix, Arizona. Sie hatte die Atomwaffenversuche in der Wüste Nevada recherchiert und das tatsächlich für zwei Jahre mit einem Team. Die hatte dann so einen langen Quellenkatalog und man diskutierte darüber, ob ihre Wege richtig waren und ich saß ganz klein da und dachte: „Irgendwie muss ich mich hier schminken, wenn die Dich gleich fragen, was machst Du eigentlich? “ In der Regel sieht ja unsere Arbeit sehr viel anders aus. Die amerikanischen Kollegen haben zum Teil ganz andere Voraussetzungen. Ich bin mit der Absicht, wie auch viele andere Kollegen, hier, dass man für den recherchierenden Journalismus wirbt, der in diesem Lande durch Meinungsjournalismus und andere Dinge keine sehr große Kultur hat. Wir haben keinen sehr großen Rückhalt bei den Intendanten oder beim Verleger, d.h. wir setzen uns größeren Widerständen aus. Man muss sich zusammensetzen und die Erfahrungen, die in anderen Ländern gemacht werden, aber auch unsere eigenen Erfahrungen diskutieren. Woran mir sehr liegen würde, wäre, dass ein solcher Verein dazu beitragen könnte, dass man in einem gewissen Zeitraum einen Kongress oder etwas ähnliches organisiert, in dem Kollegen über ihre Arbeit und über die Schwierigkeiten, die dabei auftreten, reden. Wir sprechen ja im Grunde genommen nie über Handwerk. Wir reden nur darüber, ob einer gut schreiben kann. Deshalb werden wir, die sich im recherchierenden Journalismus tummeln, manchmal auch gefragt, ob wir Detektive seien. An dieser ganzen Schizophrenie merkt man eigentlich, dass wir über das, was wir in Ansätzen in Sachen Recherche machen, mehr reden müssten. Diskutiert werden muss auch, unter welchen Voraussetzungen z.B. Fernsehleute mit Printleuten zusammenarbeiten und welche Geschichte dabei herauskommt, die vielleicht ohne diese Kooperation nicht entstanden wäre.
Der Verein müsste auch im Bereich der Ausbildung etwas machen, dazu muss sicherlich auch ein Journalistenpreis gehören, der sich vom Wächterpreis unterscheidet. Ein solcher Preis darf dann aber auch nicht denjenigen auszeichnen, der am leichtesten bei einem Anwalt die Akte gezogen und daraus eine Enthüllungsgeschichte gemacht hat, sondern man muss wirklich darauf achten, wo jemand für seine Recherche was ausgegraben hat und auch mit großer Hartnäckigkeit drangeblieben ist. Auch glaube ich, dass veröffentlichte Negativlisten sinnvoll sind, die aufzeigen, wer z.B. am rigidesten war und Journalisten den Informationszugang verweigert hat. Das hat jetzt nicht nur etwas mit dem Freedom of Information Act zu tun, sondern vielmehr mit einer gewissen Solidarität der Leute, die wir brauchen.
Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland so ein Netzwerk, wie z.B. in Skandinavien schaffen können, wo dann der eine Journalist aus dem Süden seinen Kollegen im Norden anruft und fragt: „Du hast doch mal an der Geschichte gearbeitet, wie kommst Du weiter?“ Wir stehen ja doch zu häufig in Konkurrenz miteinander. Aber wir können andere Dinge erreichen. Ich glaube, dass man auch schon durch symbolische Akte, wie z.B. eine Negativliste, bei den Kollegen, die als Einzelkämpfer unterwegs sind, ein gewisses Gemeinschaftsgefühl schaffen kann. Man kann auch dann stärker auftreten, wenn man zu definieren versucht, was Journalismus eigentlich ist. Wenn Sie mit Chefredakteuren über Recherche diskutieren, ergibt es sich oft, dass die Chefredakteure sagen: „Ich weiß gar nicht, worüber Sie reden, wir recherchieren alle.“ Die haben das auch immer alle ganz hervorragend in ihrem Leben gemacht. Doch die meisten, so glaube ich, verstehen darunter, dass man ohne Hilfe der Sekretärin eine Telefonnummer findet.
Leif: Das ist eine sehr schöne Definition. Ich glaube, die sollte als Preface in alle Lehrbüchern eingehen. Das war schon mehr als eine Ouvertüre am Anfang. Ich gebe über zu Georg Mascolo, den auch einiges mit Hans Leyendecker verbindet. Was ist Ihr Motiv, wenn man als leistungsstarker Rechercheur im Geschäft ist, sich über den eigenen Job hinaus zu engagieren und einzelne Elemente vom Job und vom Recherchieren auch an andere weiterzutragen. Sie referieren auch gelegentlich oder geben ein Interview und reflektieren somit ihren Job.
Georg Mascolo: Das meiste hat Hans Leyendecker gesagt, außerdem falle ich natürlich, was meine Leistungen als journalistischer Referent betrifft, gegen ihn weit ab. Ich glaube, was die Zahl der Vorträge angeht, liege ich weit hinter ihm zurück. Ob das hier heute zum Verein kommt oder nicht, welchen Sinn das macht, darüber werden wir ja nachher noch reden. Ich glaube, dass heute auch schon eine Menge gelungen wäre, wenn man, so wie es in den USA schon passiert ist, versuchen würde, eine gewisse Trennschärfe für diesen Begriff investigatives Recherchieren zu finden. Das Schlagwort investigatives Recherchieren, investigativer Reporter wird in Deutschland alle Nase lang gebraucht, auch wenn es dann darum geht, über die Defizite zu reden, die es hier ohne Frage gibt. Was das aber so genau ist, wer das ist, das ist anders als in Amerika. Es gibt auch viele Kollegen, und ich gehe auch davon aus, dass viele hier sind, die investigatives Recherchieren, nicht wie es in den USA oftmals üblich ist, ausschließlich betreiben, aber die es immer wieder betreiben. Das sind dann Geschichten bei denen es uns möglicherweise nicht auffällt, weil sie hinterher keinen Nachrichtenwert haben, dennoch aber die Herangehensweise einer gründlichen, ausgewogenen Recherche aufweisen. Darüber würde ich auch reden, weil ich ansonsten die Sorge habe, dass es eine große Gruppe von Kollegen und Kolleginnen gibt, die sich ausgeschlossen fühlen, weil sie denken, dass sie das, worüber hier eigentlich geredet wird, überhaupt nicht machen. Insofern meine Bitte, lassen Sie uns nachher noch einmal über die Begriffe reden und über die Frage für wen, wenn ein solcher Verein zu Stande käme, er auch Ansprechpartner und Sammelbecken sein sollte.
Leif: Welchen Vorschlag hätten Sie denn zur Trennschärfe. Wo würden Sie denn die Linien ziehen, wohin geht die Argumentation?
Mascolo: Ich glaube, dass ich so eine Verknüpfung beispielsweise im Platz des Dossiers der ZEIT, das was Bruno Schirra und Thomas Kleine-Brockhoff eingeführt haben, beobachten kann. Das wäre früher völlig unvorstellbar gewesen; langdarstellend, häufig dann auch mit Newswert, bisweilen aber auch einfach nur unter dem Anspruch zu sagen, ich fasse das alles noch mal zusammen oder erkläre das auf einem Prominenten Platz in einer Art und Weise, wie mir das sonst selten gelingt. Ich lese auch oft in den Zeitungen die Seite Drei Geschichten, bei denen ich denke, die Arbeit, die gründliche Recherche, die darin steckt, die ist bemerkenswert. Es kommt keine Nachricht dabei heraus, und es kann auch keine Nachricht dabei herauskommen, weil das Beschriebene es möglicherweise gar nicht zulässt. Aber auch über all diese Leute und ihre Arbeitsweisen sollte man reden.
Leif: Also eher ein breiterer Ansatz.
Oliver Merz, auch seit Jahren unterwegs in dem Themenfeld. Wo würdest Du die Defizite im sogenannten recherchierenden Journalismus sehen? Kollege Volker Steinhoff hat ja schon nüchtern in einigen Statements etwas dazu gesagt. Du willst ja auch von den Segeln gehen und bist wahrscheinlich auch über die Jahre ein wenig enttäuscht.
Oliver Merz: Ich arbeite seit acht Jahren für REPORT für Baden-Baden, jetzt Mainz und ich teile nicht ganz Deine Auffassung. Ich finde die Lage nicht so schlimm, wie sie teilweise dargestellt wird. Ich glaube, dass sie besser ist als viele denken. Was ich persönlich gerne sagen würde, und ich will mich damit auch gerne dem Herrn Mascolo anschließen, ist, dass wir diese Formen, die zum Teil um den Begriff Investigativer Journalismus gestrickt sind, ein bisschen zurecht rücken. Mir liegt sehr viel an dem Wort „Gründlich“. Ich glaube, dass wir aufpassen sollten, dass wir durch die vorschnelle Skandalierung, die wir oft bei vielen Themen erleben, nicht auf Irrwege geführt werden, weil sie tatsächlich keine investigativen Stories sind. Es geht möglicherweise nur darum, irgendein Dokument, so wie es Herr Leyendecker geschildert hat, einen Tag vorher zu haben, bevor es sowieso veröffentlicht worden wäre. Da müssen wir dann nachhetzen, weil wir halbaktuellen, latent aktuellen oder ganz aktuellen Medien verpflichtet sind und dann aber in der ganzen Hektik gar nicht dazu kommen, es gründlich darzustellen, Interessenverflechtungen aufzuzeigen, möglicherweise auch mal gegen den Strich zu bürsten und Gewissheiten, mit denen wir alle tagtäglich umgehen und die wir auch selber transportieren kritisch zu hinterfragen und auch manchmal auf den Kopf zu stellen.
Seit zwei Jahren mache ich Chef vom Dienst und die Planungsarbeit für ein Fernsehmagazin REPORT in Mainz. Was mir fehlt, das sage ich ganz offen, ist das, was wir hier in diesem Kreis auch schon öfters gehört haben: Ich glaube nicht so sehr, dass Geld ein so großes Problem ist, ich vermisse - und obwohl ich erst 41 Jahre alt bin, gestatte ich mir das zu sagen - die unruhigen jungen Kollegen, die anklopfen und ein Anliegen haben. Wenn sie ein Anliegen haben, dann kommen sie normalerweise auch mit einem interessanten Thema und dann kann man als interessierter CvD auch versuchen, eine spannende, interessante und relevante Geschichte daraus zu machen. Das ist es, was mich teilweise in den vergangenen Jahren störte, dass tatsächlich oft die Frage nach dem Geld kommt. In der Sendeanstalt, in der ich arbeite, das kann ich ganz plastisch sagen, da kann man an anderen Stellen mit wesentlich weniger Aufwand viel mehr Geld verdienen. Gut, aber dann muss man auch nicht bei REPORT anklopfen. Ich glaube nicht, dass wir uns jetzt erst mal darauf versteifen sollten, Professoren für recherchierende Journalisten zu fordern, um es mal zugespitzt zu sagen. Wenn die Leidenschaft und das Temperament mehr zunehmen würden, würde ich mich sehr freuen.
Leif: Wie könnte das mit Leben gefüllt werden?
Merz: In den Rundfunkanstalten ist es so, dass natürlich die Basis fehlt. Früher in den 80er Jahren, als ich angefangen habe, wurden viele Sendungen, wie die regionalen Nachrichtensendungen oder die regionalen Magazine, journalistischer gemacht. Das war einfach Alltag, heute sind sie tatsächlich in weiten Teilen zu Unterhaltungsmaschinen verkommen und deswegen gibt es diesen Nachwuchs nicht mehr, der in der Landesschau anfängt, ob das beim Bayrischen Rundfunk ist oder in Hannover, und sich dann irgendwann im Laufe der Jahre über ein landespolitisches Magazin, über ARD Aktuell möglicherweise zu PANORAMA oder zu REPORT hochkämpft.
Dagmar Hovestädt: Es ist ja in weiten Teilen eine entpolitisierte Gesellschaft. Wenn Du Seelenstriptease und Striptease im Fernsehen zum hauptsächlichen Anliegen machst, dann ist es einfach überhaupt nicht mehr attraktiv, dieses gesellschaftliche Anliegen zu verkörpern und in Sendungen zu gehen und daran zu arbeiten, dass ist einfach nicht chic. Ich würde sagen, wir sind hier auch in einem relativ erlauchten kleinen Kreis zusammen gekommen. Wir reden über Medien die ausgezeichnete Archive haben, die, im Fall des SPIEGELS, seit 50 Jahren einen Namen durch die Gegend tragen, der Recherchen einfacher macht. In der Realität wird die Vielzahl der Zuschauer und Leser damit überhaupt gar nicht erreicht. Wir haben niemanden von den privaten Fernseh- Anbietern hier. Und ein Printmagazin wie FOCUS hat meiner Ansicht nach das, was ich unter investigativ verstehe, einfach auch ein Stück verwässert und das Format eher benutzt.
Deswegen denke ich auch, dass die Leute, die mit einem Anliegen kommen, immer von einer bestimmten Zeit geprägt worden sind. Ich finde, es ist eine schwierige Zeit, um mit einem gesellschaftlichen Anliegen in Medien reinzugehen. Das Anliegen heute heißt: Geld verdienen, chic zu sein, sich selber in diesen Medien, vor allem beim Fernsehen, zu spiegeln. Bei einer Zeitung eine gute Recherche zu machen, solide Stücke zu liefern oder eine Seite Drei zu machen, mit der man aber nicht groß rauskommt, dafür ist das gesellschaftliche Klima nicht da, sogar in Journalistenkreisen ist es nicht vorhanden.
Leif: Doch wenn einer eine gute Story hat, dann findet er auch einen Platz. Es gab jetzt von Bruno Schirra dieses ZEIT Dossier, was gelobt wird, und es kann auch in der SZ nachgelesen werden, wenn jemand eine gute Story hat. Es bleibt ja nichts verborgen. Ist das nicht so eine kulturpessimistische Stimmungsfrage?
Hovestädt: Es war nur eine Reaktion auf die Äußerung, dass man sich wünscht, dass junge Leute mit einem Anliegen kommen. Aber wo soll das Anliegen herkommen? Wie wird man geprägt, in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen wird man groß und was ist eigentlich im Mainstream vorhanden. Das ist jetzt kein Plädoyer dafür, investigative Geschichten vollkommen zu unterlassen, weil sie nicht im Trend liegen. Im Gegenteil! Ich glaube auch, dass wenn man sich darum bemüht, in diesem Bereich etwas zu definieren, dann muss man das von diesem Glamour herunterholen. Wir sind ja nicht die James Bonds des Journalismus, die undercover arbeiten. Es wird ja auch alles gern mythologisiert. Im Gegenteil, man muss es entmythologisieren, zu einem Genre wie jedes andere auch machen. Und man muss durch die klarere Definition das Image aufbessern, vor allem im Fernsehbereich, dafür werben, dass man Zeit dafür braucht, um eine Geschichte sorgfältig zu recherchieren oder aufzudecken, was die Mächte gerne verborgen wissen wollen. Um das öffentlich zu machen, dafür braucht man Zeit, da kann man nicht sagen: „Die sitzen da drei Wochen, drehen Däumchen, und machen dann mal in zwei Tagen schnell einen Beitrag.“ Das Image ist es, das gehoben werden muss.
Mascolo: Also irgendwas bei der prinzipiellen Fragestellung kann ja im Grunde genommen nicht stimmen. Meine Beobachtung ist seit Jahren, dass aller Orten enthüllt wird. Man kommt ja überhaupt nicht mehr hinterher. Es sind eine Vielzahl von Skandalen, die mich bis Dienstag durch die Gegend treiben und von denen Mittwoch keiner mehr was wissen will. Angeblich boomt das Geschäft aller Ort und gleichzeitig sitzen wir hier und sagen, dass von unserem Beruf niemand was wissen will. Entweder gibt es da so eine Wahrnehmungslücke oder irgendetwas anderes, worüber wir reden müssen.
Hovestädt: Eine Inflation des Begriffs.
Leif: Herr Fröhlingsdorf, Sie hatten ja ein bestimmtes Anliegen und haben sogar eine kleine Kulturveränderung im „Trierischen Volksfreund“, wo sie bisher gearbeitet haben, eingeleitet. Wie wichtig ist denn Ihr Einfluss, wie würden Sie es einschätzen, dass man über Einzelkämpfertum, was es irgendwo in so einem kleinen Blatt ist, auch intern was verändern kann. Haben Sie da irgendwas verspürt oder blieb es beim Einzelkämpfertum?
Michael Fröhlingsdorf: Es hat sich schon einiges geändert. Wir sind kürzlich sogar geadelt wurden, als in der WELT stand, dass in Trier die meisten Skandale passieren. Ich sehe es nicht so pessimistisch, gerade viele junge Kollegen bemühen sich durchaus in lokalen Dingen. Das Problem ist, dass da wirklich jeder Einzelkämpfer ist, und das ich auch noch nächste Woche zu dem Bürgermeister gehen muss, dem ich diese Woche eins reingewürgt habe. Also das ist einfach das Problem: Die Leute sind schon bemüht, ob man dann aber die entsprechende Rückendeckung vom Chefredakteur hat, ob man möglicherweise Anzeigenkunden verliert, dass sind die eigentlichen Probleme, die die Lokalredakteure vor Ort bewegen und nicht die Enthüllungen im SPIEGEL.
Hovestädt: Oliver Merz und ich reden auch überwiegend über den Fernsehbereich, weil das unsere Prägung ist. Ich glaube, Printmagazin- Journalismus und auch die Lokalpresse erfordern jeweils unterschiedliche Perspektiven auf dieses Bild.
Fröhlingsdorf: Ich sehe es auch in anderer Hinsicht nicht so pessimistisch. Ich bin jetzt beim „Trierischen Volksfreund“ seit ein 1/2 Jahren als Reporter freigestellt gewesen, und das ist natürlich in einer Zeitung mit einer Auflage von 100 000 und 50 Redakteuren schon ein Traumjob für jeden anderen, der sonst in der Lokalredaktion zum Kaninchenzüchterverein gehen muss. Diesen kleinen Reporterkreis gab es bei der „Lausitzer Rundschau“ und es gibt ihn bei der „Saarbrücker Zeitung“, und ich denke schon, dass das auch andere Kollegen gerne machen würden. Es gibt zum Beispiel die „Saarbrücker Zeitung“, die diese Zukunftswerkstätten macht und im Herbst war jetzt auch eine zum Thema Recherche. Da war zumindest die Absichtserklärung aller Chefredakteure, in diese Richtung weiterzugehen und das auszubauen. Das allerdings im Lokalen ein freier Mitarbeiter irgendeine Enthüllungsgeschichte liefern würde, das habe ich noch nie erlebt. Wenn, dann müssen das wirklich die Festangestellten sein, die dann genauer recherchieren.
Leif: Aber wenn sie jetzt den „Trierischen Volksfreund“ verlassen, wird denn der Job dann neu besetzt?
Fröhlingsdorf: Das ist eine kuriose Geschichte, weil der Chefredakteur sagt, dass sich ein Nachfolger erst qualifizieren müsse: „Jetzt schreibe mal schön investigative Geschichten und dann suche ich mir einen aus.“
Leif: Herr Leyendecker, wie sehen Sie in Deutschland die Luft für den investigativen Journalismus, also für den recherchierenden Journalismus?
Leyendecker: Ich spreche vom recherchierenden Journalismus, investigativ sage ich nicht, weil es in der Regel nicht investigativ ist. Für recherchierenden Journalismus: Es sind unterschiedliche Bedingungen, die die Leute haben. Herr Fröhlingsdorf beim „Trierischen Volksfreund“ hat ganz andere Bedingungen als ein Kollege, der beim SPIEGEL auf eine Dokumentation zurückgreifen kann oder der bei der ZEIT ist und da auch die eine oder andere Möglichkeit hat. Was man insgesamt machen sollte, ist, die Leute mehr dazu zu ermutigen, solche Geschichten auszuprobieren. Auch bei der Zeitung sollte man sich nicht von den zynischen Alten entmutigen lassen, die sagen: „Das habe ich früher auch mal gewollt, hat eh nix gebracht, hat nur Ärger gebracht oder kommt doch nix bei rum.“ Gerade den jungen Leuten muss man das Gefühl geben: „Komm, probiere es mal!“ Wir wollen ja von niemanden die Hofsänger sein und müssen deshalb relativ nüchtern auf Sachverhalte schauen. Dann geraten wir natürlich immer wieder in Kollision, deshalb müssen wir diese jungen Leute in Zukunft in solchen Situationen unterstützen. Ein Problem ist auch der Meinungsjournalismus, da bin ich nun auch bei einer Zeitung, die sehr stark davon geprägt ist. Eine Redaktionskonferenz sieht so aus, dass es da eine Vorkonferenz gibt, in der eine Viertel Stunde über den Leitartikel gesprochen wird. Dann geht man in die Hauptkonferenz und da erzählt jeder aus seinem Ressort. Theoretisch könnte man es anders machen, man könnte fragen: „Was sind eigentlich die wichtigsten Themen des Tages?“ Man muss einfach diese Struktur durchbrechen. Doch das Denken der Gruppe ist natürlich dann auch oft so, dass der eine eigentlich mal ein gutes Editorial oder den Kommentar schreiben will.
Ich finde z.B. die WELT oder den TAGESSPIEGEL ganz erstaunlich, zwar nicht immer inhaltlich, aber wie sie sich bestimmten Themen nähern. Es gibt im Moment auch die Überlegungen im Journalismus: „Wie destillieren wir jetzt mal die wichtigsten Themen der Woche oder die wichtigsten Themen des Tages, und wie nähern wir uns dem Optimalen?“ Die „Rheinische Post“ versucht z.B. Leute unterschiedlicher Ressorts zusammenzubringen, das halte ich für ganz hervorragend.
Normalerweise haben Wissenschaftsredakteure bei einem Klimaschutzproblem hundert Zeilen. Dann nimmt der Redakteur die Berichte, die er vor sieben Jahren und vor zwei Jahren geschrieben hat und wechselt nur die Zahlen aus. Leute, die aus unterschiedlichen Gebieten daran arbeiten, könnten das Thema interessanter gestalten. Bei großen Zeitungen gibt es auch Ansätze, dass man einen guten Schreiber mit einem guten Rechercheur zusammenbringt. In der Regel schreiben die Rechercheure ein wenig schlechter als die guten Schreiber, aber die Geschichte wird sehr viel spannender, wenn sie von so einem Team gemacht wird. Dann kommen auch zwei Kulturen zusammen.
Mascolo: Das letzte, was ich in diesem Land erkennen kann, ist eine wirkliche Anfeindungskultur. Ich glaube, dass es immer wieder Situationen gibt, wo auf einzelne Kollegen los gegangen wird. Wenn wir aber schon darüber debattieren, ob Amerika ein Vorbild für uns ist, kann ich nur dazu sagen, wenn man sich in den USA das gefallen lassen müsste, was in unserem Bereich passiert, verglichen mit all den Fehlern, die hier nicht registriert werden und mit all den Debatten, die hier nicht stattfinden, über das was Medien gut aber auch falsch machen, sind wir in der Beziehung in einer komfortablen Situation. Deswegen würde ich die wenigen Fälle, über die man da reden muss, nicht so dramatisch sehen. Zum Beispiel die Geschichte, dass in Hessen der Koch auf Fröhder namentlich losgegangen ist, das war sicher eine unschöne Episode, auf den SPIEGEL ist er auch losgegangen, nicht in dieser Form und nicht namentlich.
Ich finde dann das Beispiel des WDR Films über den Kosovo Krieg wieder ein schlechtes Beispiel, weil man über diesen Film in der Tat streiten kann und über die Frage, wie er gemacht war und ob er zu einseitig gewesen ist und welche Fehler er gemacht hat. Also prinzipiell zu sagen, da müsste man eigentlich so ein Netzwerk haben, dass sich dann vor alles und jeden, egal wie es war, erst mal schützend davor wirft, dass würde ich für einen Fehler halten. Noch mehr Debatte darüber, welcher Qualität unsere Arbeit eigentlich genügen muss und wo das nicht der Fall gewesen ist, würde uns gut tun.
Leif: Meinen Sie damit eher gelassenen Gleichmut? Diese Anfeindungen sind nicht richtig. Da würde ich die Koch Affäre dagegen setzen: Koch nutzte ein gezieltes Kommunikationsmanagement, stellte Wahrheiten an die Seite und griff Einzelne scharf an, wie er das auch bei den Kollegen von der FR machte und es bleiben nur wenige in Hessen übrig, die sich um diese größte Affäre im Rahmen des Spendenkonflikts bemühen. Das ist doch eine wichtige Sache, der will doch was ereichen. Wenn keine Gegenstimme kommt, dann machen die doch weiter. Die Stigmatisierung in einzelnen kleinen Bereichen läuft doch relativ systematisch. Wenn man Ihrer These folgt, sollte man, wenn man sich z. B. zusammen schließt, um solche Dinge nicht kümmern. Hab ich das richtig verstanden?
Mascolo: Ich glaube, so undifferenziert habe ich das nicht gesagt.
Leif: Ich versuche nur eine Klärung herbeizuführen.
Mascolo: Ich habe schon einen Unterschied zu dem Fall des Kollegen Fröhder gemacht und mache ihn auch zu anderen, insbesondere da, wo wirtschaftlicher Druck ausgeübt wird, was gerade Kollegen bei kleinen Tageszeitungen betrifft. Ich glaube, dass dieses kleine Netzwerk, das es über persönliche, wirtschaftliche und sonstige Verbindungen gibt, das größere Problem ist, als wir es tatsächlich auf dieser oberen Ebene haben. Da geht ein Ministerpräsident mal auf sie los und wenn sie Pech haben, ist das vielleicht sogar irgendwann mal ein Außenminister. Aber das sind dann ohnehin immer alles schon öffentliche Vorgänge, die spielen eine Rolle und die Leute nehmen Partei. Es hat einen öffentlichen Hintergrund. Das worüber zu reden wäre, glaube ich, sind Situationen, in denen Geschichten verhindert und weggetreten werden, wo echte Repressionen stattfinden.
Leif: Danke, das zur Klärung. Nun die Frage Recherche und journalistische Qualität, gibt es da einen Zusammenhang? Jetzt nicht nur im Fernsehbereich sondern auch in anderen Mediensektoren?
Merz: Natürlich! Ich glaube, das haben wir besprochen. Ohne Recherche keine journalistische Qualität. Basta!
Leif: Heißt das aber auch, wenn man das intensiver betriebe, dass man damit etwas in der Qualität bewegen könnte?
Merz: Natürlich! Ich glaube auch, dass – jetzt wieder reflektiert auf unsere Redaktion –man jedem Stück anmerkt, dass es nicht in der Hetze gemacht wurde, sondern das es ein bisschen ausgeruht gemacht wurde, was nicht heißen muss, dass man dafür Wochen oder Monate brauchte. Ich denke, dass der Zusammenhang eindeutig ist, und dass es sich in jeder Beziehung lohnt a) die Freiräume und b) auch den Anreiz zu schaffen, mehr zu recherchieren.
Leif: Noch mal die Qualitätsfrage an Herrn Leyendecker: Glauben Sie, dass man einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln kann, dass ein verbesserter recherchierenden Journalismus auch einen Nutzen hat? Heute wird viel über Nutzen geredet, oder ist das zu pathetisch und zu naiv?
Leyendecker: Ich glaube, man muss die Geschichten, weil es ja auch ein schöner Beruf ist, so machen, dass man einigermaßen damit leben kann. Dass man nach einer Geschichte sagen kann: „So schlimm war es auch nicht, was man da gemacht hat, es ist erträglich gewesen und es hat vielleicht sogar auch den einen oder anderen guten Ansatz gehabt.“ Man kann auch missionarischen Journalismus machen. Ich glaube, im Fernsehen ist das ja doch häufiger ein Problem. Gerade wenn ich mir MONITOR oder REPORT München angucke, habe ich überhaupt keine Neugierde mehr, weil ich in der Regel weiß, was kommt. Dass also Leute, und das ist bei Tageszeitungen nicht anders, nur noch für ihre Gemeinde arbeiten, das finde ich relativ langweilig. Von daher sollte man versuchen, sich gewisse Standards zu erarbeiten, beziehungsweise solche Standards zu halten, und dann findet man auch eine Klientel, die das gar nicht so uninteressant findet.
Hovestädt: Ich finde, was den Nutzen angeht, kommt beim Fernsehen noch ein zusätzliches Problem hinzu. Es ist ja ein hoch-emotionales Medium, und man kann eine sechswöchige Recherche in einen Fernsehbeitrag verpacken; man kann auch drei Tage reinstecken. Für den normalen Zuschauer gibt es dabei keinen wirklichen Unterschied. Wenn der Beitrag schnell geschnitten ist, wenn die Musik funktioniert, wenn es da ein paar emotionale O-Töne gibt, dann merkt man nicht, ob derjenige sechs Wochen gebraucht hat, um die entscheidenden Fragen zu stellen, oder nur zufälligerweise darein geschlittert ist. Deswegen ist die Qualitätsunterscheidung beim Fernsehen besonders schwierig zu treffen. Das trifft vor allem für den privaten Bereich zu: Die Techniken und die Formen, die man nutzt, um Investigationen darzustellen, sprich, mit laufender Kamera irgendwo reinlaufen, verdeckte Kameras einsetzen, heulende Leute vor den Kameras, alles, was irgendwo emotional macht; es wird inflationär gebraucht, ohne einen Maßstab für das Einsetzen dieser Formen zu finden. Also ich finde, das sind Formen, die man nur dann einsetzen sollte, wenn es wirklich nicht mehr anders geht und wenn es der Inhalt gebietet. Das haben die Privaten im Grunde genommen vollkommen zunichte gemacht. Weil klar wird, sobald es dramaturgisch spannend ist, bringt es etwas für die Quote und dann wird es eingesetzt, egal ob es funktioniert oder nicht. Da finde ich, ist es einfach schwierig, die Qualität im Fernsehjournalismus zu halten. Es geht dann einfach nur darum, dass es eben solche „Inseln“ gibt, wie öffentlich-rechtliche Magazine, selbst wenn sie die Realität bisweilen sehr eingeschränkt konstruieren und dann auch wiedergeben, wo aber diese Art von langzeitlicher Auseinandersetzung mit Themen erfolgt. Denn nur über eine bestimmte Zeit kann man eine Auseinandersetzung und auch eigene Ansichten finden, die man dann in diese ganze öffentliche Diskussion einbringen kann. Es ist also wichtig, dass diese „Inseln“ einfach bestehen bleiben und dafür auch eine Akzeptanz geschaffen wird.
Merz: Wir erleben ja in diesen Tagen ein spannendes Experiment: Fernsehjournalismus ZDFReporter, eine Notlösung sozusagen für die Form der Recherche. Ich sag es jetzt mal überspitzt, ich möchte den Kollegen nicht zu nahe treten: Wenn dieses Experiment so ausgeht, wie es sich jetzt abzeichnet, dann wäre Anlass zur Schadenfreude gegeben, die mir eigentlich auch nicht nahe liegt. Aber ich denke, dass die Redaktion – schade, dass niemand hier ist – einen wirklich schwierigen Weg geht. Ich bin gespannt, ob es wirklich funktioniert. Ich glaube es nicht, weil sie die Relevanz und die banale Recherche vergessen haben. Sie haben gedacht, es funktioniert, wenn sie das amerikanische Modell kopieren, d.h. mit Leuten, die in der Redaktion in zwei-drei Tagen für irgendeinen schnellen Reporter ein paar Bild-Termine organisieren. Dann glauben sie, wenn sie es flott moderieren lassen, dann funktioniert das. Wenn es nicht funktioniert, ist es ein Beispiel dafür, dass Recherche tatsächlich gefragt ist und das auch im ZDF, der großen Unterhaltungsmaschinerie.
Mascolo: Es ist bedauerlicherweise so, dass, wenn es irgendwo in den vergangenen zehn Jahren einen Rückschritt zu beobachten gibt, dieser leider bei den elektronischen Medien stattgefunden hat. Das fängt an bei dem privatem Hörfunkprogramm, von dem ich glaube, dass einige am Anfang ausgesprochen scharfe journalistische Anspruchskriterien gehabt haben und sie auch verwirklicht haben. Heute würde mir überhaupt niemand mehr einfallen. Auch was das private Fernsehen angeht, es ist, was diesen Bereich angeht, ein permanenter Sinkflug. Ich glaube, der letzte Versucht – ich weiß gar nicht, ob ich ernsthafter Versuch sagen soll – ist Newsmaker gewesen. Ich fürchte, dass sich jetzt auf langer Zeit im privaten Fernsehen niemand mehr an irgendeiner Form versuchen wird, von der ich gar nicht sagen würde, dass sie investigativ gewesen ist, sondern die wenigstens das Kriterium von einigermaßen ernsthaftig erfüllen würde. Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist es tragisch anzusehen, wie die unglaublichen Potentiale, die es nach wie vor gibt, insbesondere in der ARD, von wirklich qualifizierten und guten Journalisten aufgesplittert werden, anstatt möglicherweise irgendwann mal zu einem gemeinsamen Magazin oder einer wie auch immer gearteten gemeinsamen Nachrichtenredaktion zu kommen. Ich glaube, dass es bei der ARD sehr viele begabte Kollegen gibt, auch ganz viele Nachwuchskollegen, und dass die ARD immer noch nicht verstanden hat, daraus etwas zu machen. Das ZDF ist sowieso ein Sonderfall.
Leif: Warum, glauben Sie, wird denn aus diesem Potential nichts gemacht? Was ist die tiefere Analyse aus Ihrer Sicht?
Mascolo: Weil ich glaube, dass es überhaupt gar keinen Leidensdruck irgendwo innerhalb der ARD gibt. Das mag es vielleicht innerhalb der Magazine geben, da fanden immer mal wieder Überlegungen statt. Da beklage ich das, was Hans Leyendecker auch schon gesagt hatte, in Teilen der öffentlich-rechtlichen Magazine ist so eine Missionarshaltung eingezogen. Das gilt nicht immer für alle Stücke und gilt beispielsweise aus meiner Sicht auch wirklich nicht immer für REPORT Bayern, auch wenn man es diesen stärker nachsagt als anderen. Da finde ich dann bisweilen immer ein paar interessante Stücke. PANORAMA ist da für mich ein Beispiel: Die haben sich da so einigermaßen rausgezogen und haben am aller ehesten den Blick, der in alle Richtungen geht.
Hovestädt: Um auch noch mal die Variante von „Amerika lernen heißt siegen lernen“ aufzunehmen: Ein Teil dieses Unwillens, sich mit viel Aufwand mit ernsthaften Themen zu beschäftigen – das ist im Fernsehen relativ teuer – hat mit der Kommerzialisierung und der Übertragung amerikanisch erfolgreicher kommerzieller Fernsehformen zu tun. Es ist einfach nicht lukrativ, wenn es darum geht, am Ende des Tages zu fragen: „Für wie viel Aufwand bekomme ich wie viel Quote?“ Es ist dreimal einfacher, „Big Brother“ anzuschieben oder aber auch irgendwelche hübschen Moderatorinnen und Wackel-Kamerabilder durch die Gegend schicken zu lassen, um damit eine Quote zu erzielen. Oder eben, wenn die Quote nicht stimmt, das durch irgendwelche anderen banalen Geschichten zu ersetzen. Das ist in Teilen, nicht überall, aber in Teilen einfach der Mechanismus, der funktioniert und der auch in Amerika so funktioniert.
Mascolo: Entschuldigung, aber das stimmt ja nicht, wenn man sich die Geschichte der elektronischen privaten Medien anguckt. Information hat den öffentlich rechtlichen Medien und den privaten Medien über eine lange Zeit gute Quoten garantiert. Die Produktion einer Sendung wie Akte "Irgendwas" wird im Ergebnis nicht mehr Quote bringen und auch nicht mehr Geld kosten als ein vernünftiges politisches Magazin zu etablieren. Das hat mittlerweile bei denen auch ganz viel mit Senderfragen zu tun. So was braucht man alles nicht.
Leif: Aber wenn man das nun mal alles bilanziert, kommt man zu dem Ergebnis, dass fast alles in Butter ist, es drückt nirgendwo der Schuh. Wer die Lust hat, hat auch die Möglichkeiten, etwas vernünftiges zu platzieren. Wir haben eigentlich ideale Konstellationen was Recherchejournalismus angeht. Es gibt keinen Problemdruck. Es kann jetzt sein, dass wir hier vorne besonders etabliert und schwergewichtig sitzen, aber ich habe den Eindruck, dass wir vielleicht streitige Punkte noch mal diskutieren müssen.
Plenum: Ich möchte widersprechen. Ich war für ein 1/2 Jahre in Langen im privaten Hörfunk in Bayern tätig und habe hier versucht, als Einzelkämpfer einen einigermaßen vernünftigen und ansprechenden Journalismus, auch für die Hörer, über den Äther zu bringen. Es ist mir als Einzelkämpfer einigermaßen geglückt, aber es war innerhalb der Geschäftsführung, innerhalb der Redaktionsleitung kein Interesse für den investigativen Journalismus da, auch weil man Angst hatte, man könne sich damit irgendjemanden vergrämen, sei es jetzt der Oberbürgermeister oder seien es irgendwelche Werbekunden. Im privaten Hörfunkbereich sehe ich da ganz große Schwierigkeiten. Es gibt vielleicht wenige Ausnahmen bei einigen Sendern, aber ansonsten ist der private Hörfunk, zumindest in Bayern, zu einem Gewinnspiel von Publikum abgerutscht.
Fröhlingsdorf: Ich habe eben gesagt, im Lokalen ist die Welt nie in Ordnung, und da ist die Anfeindung durch den Bürgermeister im Zweifelsfalle schlimmer als das, was auf der oberen Ebene passiert. Aber man kann auch als Einzelkämpfer im Lokalen versuchen, eines der Magazine FOCUS oder SPIEGEL für bestimmte Themen zu interessieren. Das ist zum Beispiel bei der Döpfert Geschichte erfolgt. Zu meiner eigenen Absicherung ist die Geschichte am gleichen Tag im FOCUS und im „Trierischen Volksfreund“ erschienen, dadurch ist sie nicht mehr rückholbar. Da hätte sich der „Trierische Volksfreund“ hundert mal entschuldigen können, die Geschichte war nun auch auf anderen Ebenen veröffentlicht. Von einem Netzwerk verspreche ich mir auch solche Kooperationsmöglichkeiten. Wenn eine Geschichte wo anders schon veröffentlicht wurde, dann sind wir unter Zugzwang und müssen sie auch bringen. Dann kann sich auch der Chefredakteur gegenüber dem Anzeigenkunden rechtfertigen und sagen: „Wir konnten nicht anders, wir mussten jetzt auch darauf reagieren.“
Volker Steinhoff: Noch einmal auf die Frage von Thomas Leif, ob denn zu wenig recherchierender oder investigativer Journalismus betrieben werde. Ich denke, das hängt von der Definition ab, über die wir noch gar nicht geredet haben. Das was ich immer höre, ist mir ehrlich gesagt zu politisch korrekt, weil investigativ untersuchen heißt. Wenn man dazu sagt "für die gute Sache" also relevant sozial usw., dann grenzt man natürlich unheimlich viele journalistische Aktionsformen aus, die absolut investigativ sind. Ich habe vorhin schon mal an die Boris Becker Geschichte gedacht. Da wurde gesagt, man bräuchte Recherche und Honorar ohne Ende, um die neue Freundin von Boris Becker zu finden, da könnten auch investigative Methoden finanziert werden. Es gibt im Boulevardbereich, was man gerne ignoriert, weil das Schmutzkram ist, natürlich auch teilweise sehr tiefgehende investigative Methoden, und vielleicht ist das eine Verlagerung. Es gibt gerade viele junge Leute, die gut im Polizeibereich, im Rotlicht-Milieu oder im Prominenten-Bereich recherchieren können, aber es gibt nicht mehr die sozial Bewegten, die die Gesellschaft verändern wollen. Auch wenn man das ungern zur Kenntnis nimmt, da gibt es eine andere Art des investigativen Journalismus, das meinte vielleicht auch Georg Mascolo mit der Bemerkung, das Geschäft brummt, da gibt es ja unheimlich viel was läuft.
Hardy Prothmann: Ich bin einer dieser jungen Journalisten, arbeite freiberuflich und frage mich: „Was kann uns ein Verein nutzen?“ Ist es nicht so, dass viele der „alten Hasen“ ihre Informationen und ihre Recherchemethoden nicht weitergeben, sondern darauf sitzen und sitzen bleiben? Natürlich verfügen auch junge Kollegen über Erfahrungen, die sehr nützlich sein können, wenn sie denn weiter gegeben werden. Ich frage mich, auch vor dem Hintergrund einer gewissen Konkurrenz durch die verschiedenen Medien, wie ein „Netzwerk Recherche“ funktionieren kann und sich das in einem Verein praktisch umsetzten lässt. Da habe ich noch gar keine Vorstellung.
Mascolo: Ich auch nicht, und ich fange mal mit dem letzten an. Wir werden ja alle nicht, in welcher Funktion auch immer, die normalen Mechanismen, die zwischen unseren Blättern herrschen, außer Kraft setzen können. So, wenn es z.B. um die Frage geht, steigt der eine mal beim anderen ein?
Hardy Prothmann: Herr Mascolo, ist das wirklich unmöglich? Wäre es nicht denkbar, dass die Konkurrenz bei gewissen Themen aufgehoben wird? Und das verschiedene Medien sagen: „OK, jetzt drehen eben SPIEGEL, SÜDDEUTSCHE, der Hessische Rundfunk, FOCUS und vielleicht sogar noch ein Privatsender an einer Schraube?“
Mascolo: Die einzige Kooperation, an die ich mich überhaupt in den letzten Jahren erinnern kann, ist die gemeinsame Recherche zwischen der FRANKFURTER RUNDSCHAU und der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG in Tschetschenien gewesen, die unterschiedliche Gründe gehabt hat. Wenn wir noch mal über Amerika reden und über das, warum wir eigentlich neidisch auf Amerika schauen, dann gibt es für mich einen Bereich, wo ich sage, da tun wir das wirklich zu Recht. Das ist nicht der Bereich der normalen und aktuellen Tagesberichterstattung. Ich glaube, da lesen Sie in amerikanischen Zeitungen oft nichts besseres und hintergründigeres über amerikanische Wirtschaft oder Politik als hier. Was die Amerikaner auf eine begnadete Art und Weise tun, und was wir hier auch versuchen sollten, ist, dass sie sich zusammenspannen und dann oft über einen langen Zeitraum strukturelle Recherchen betreiben. Dass hat beispielsweise auch der amerikanische Verein investigativer Journalisten gerade zusammen mit den Engländern gemacht und dabei eine hervorragende Recherche über die Verwicklung der Tabakkonzerne im internationalen Zigarettenschmuggel hingelegt. Da gibt es eine richtig blinde Ecke, dass ist der deutsche Markt. Das liegt daran, dass in dem Bereich niemand, SPIEGEL, STERN, SÜDDEUTSCHE, wen auch immer eingeschlossen, irgend etwas gemacht hätte oder sich für das Projekt interessiert hätte. Der SPIEGEL eingeschlossen, das sage ich in diesem Fall selbstkritisch, obwohl es hier vielfältige Hinweise gibt. Zigarettenschmuggel ist hier ein größeres Problem als es in England oder in Skandinavien ist. Das sind dann die Geschichten, auf die wir neidisch starren und sagen: „Guck mal einer an, da hat ein Netzwerk von Journalisten zwei, drei Jahre gemeinsam an einer Geschichte gearbeitet und im nachhinein kommen dabei ein paar Fernsehdokumentationen und hervorragende Geschichten heraus.“ Dann werden Prozesse geführt und Bücher erscheinen, und man steht mit offenem Mund davor und sagt: „Guck mal einer an.“ Das ist etwas, was man in Form eines Netzwerkes organisieren könnte und sagen könnte: „Lasst uns doch mal versuchen, ein solches Projekt zu machen.“ Es gibt in den amerikanischen Vereinen immer wieder diese großen Projekte, wo dann Kollegen teilweise freigestellt werden und in dieser Zeit von Stiftungen bezahlt werden. Sie haben dann Ansprechpartner innerhalb des Vereins, die sich mehr oder weniger beteiligen. Das wäre ein Modell, das interessant sein könnte und worüber wir reden können. Wenn Sie z.B. bei der Saarbrücker Zeitung mit einer guten Geschichte so richtig unter Beschuss kommen und dann sagen: „Beim SPIEGEL sitzt auch einer aus dem Netzwerk, jetzt soll der mir mal ordentlich unter die Arme greifen. Wofür sind wir schließlich in einem Netzwerk.“ Dann haben Sie vielleicht Recht, aber es stellt sich die Frage, ob der normale Mechanismus beim SPIEGEL außer Kraft gesetzt werden kann. Diesen Mechanismus gibt es ja nicht nur beim SPIEGEL, sondern auch bei ganz vielen anderen Medien. Da sage ich, machen wir uns nichts vor, das mag in Einzelfällen gelingen, aber die normalen Kriterien, nach denen unser Geschäft läuft, werden wir alle miteinander nicht außer Kraft setzen können. Das ist auch gut so. Wir können nur darüber reden, wie es in Einzelfällen mal gelingen kann, wir können auch darüber reden wie eine Struktur aussehen könnte, die es einfacher macht, aber neue Regeln werden wir nicht einführen können.
Merz: Ja, wenn so ein Netzwerk an der Stelle angreifen soll, dann kann das nie so funktionieren, dass jetzt der SPIEGEL so etwas schreibt, damit der andere dann geschützt wird. Das ist ja Unsinn.
Sandra Daßler: Ich habe gestern Abend schon mal gesagt, dass achtzig Prozent unserer Leser den Lokalteil der Regionalzeitung lesen. Ich stimme also wirklich dem zu, was auch aus dem Podium gekommen ist; es wäre wirklich schade, wenn dieses Netzwerk aus einem erlauchten Teil der großen investigativen Journalisten dieses Landes bestünde. Es wäre wirklich hilfreich, wenn da auch viele Leute aus Regionalzeitungen, aus Lokalredaktionen und möglicherweise auch von privaten Sendern, die ja jetzt vor Ort sind, dabei wären, damit die einfach auch ein wenig die Scheu vor der Recherche verlieren. Ein anderes Problem ist - und ich komme wirklich aus einer Zeitung aus dem Osten, ich weiß was da in den letzten zehn Jahren abgegangen ist – dass es da Skandale über Skandale gab, aber ein Redakteur vom SPIEGEL, der hat nie in der Lokalredaktion angerufen, und natürlich hat die Lokalredaktion sich doch nicht getraut beim SPIEGEL anzurufen, um zu sagen: „Da brauchen wir vielleicht mal Eure Hilfe oder da gibt es etwas, da komme ich nicht weiter, weil meine Zeitung zu klein ist, aber Ihr könnt da weiter machen.“ Das wäre dann auch keine Konkurrenz mehr. Solche Fälle gab es zu Hunderten oder Tausenden. Man hätte auch auf die Idee kommen können, dass Michael Fröhlingsdorf Döpfert recherchiert. Das Herzzentrum ist in Cottbus, ruf doch mal in Cottbus an. Das ist nur ausnahmsweise mal so gelaufen, weil wir in einem kleinen Konzern sind. Wo ist hier ein Kollege aus einer Zeitung aus den neuen Ländern? Kein einziger ist da.
Leif: Eingeladen sind sie.
Daßler: Ja, das war jetzt auch kein Vorwurf an die Veranstalter. Ich manche selber Seminare, ich weiß warum die nicht kommen. Es gibt so viele Geschichten in allen Bereichen, doch es gibt auch eine große Scheu davor, sich gegenseitig anzurufen oder sich gegenseitig auf etwas aufmerksam zu machen. Gerade im informellen Bereich sehe ich für so ein Netzwerk eine große Chance. Wenn man sich einoder zweimal im Jahr trifft und dann auch gleichberechtigt miteinander diskutiert und auch Anregungen bekommt - und die bekommt man auch von den kleinen Kollegen aus der kleinen Lokalredaktion - dann wäre das eben super.
Leif: Gut. Nun bitte Kollege Wiendl.
Wiendl: Ich möchte daran erinnern, dass es ein Netzwerk an prominenter Stelle zwischen Herrn Leyendecker und dem Kollegen Fröhder gibt. Ich erinnere da an das Weihrauch- Interview, das auf zwei Schienen gelaufen ist. Was bei Ihnen an prominenter Stelle geschieht, gelingt mir weiter unten in der Kreisklasse auch. Ich habe kein Problem, mich mit Kollegen und Kolleginnen der regionalen Zeitungen zu verständigen. Ich muss sagen, das funktioniert hervorragend, dass wir gemeinsam eine Geschichte machen, die vor Ort spielt. Wir verabreden uns dann eben an den Sendetagen. Das muss um den Reportsendetermin auch passieren. Ich kann die Geschichte nicht an dem Samstag davor im Blatt haben, wenn der andere sie dann erst am Montag oder Dienstag hat. Darauf haben wir uns schon oft verständigt, und da habe ich überhaupt kein Problem damit, ein Netzwerk zu bilden, sondern ich lebe auch von diesem Netzwerk. Das gebe ich unumwunden zu, dass man sich abspricht, dass man zwei-, dreigleisig recherchiert. Es kommt immer mehr dabei heraus, als wenn man alleine an der Sache dran ist. Ich will damit nur sagen, es funktioniert vielleicht nicht offiziell, aber auf inoffizieller Ebene funktioniert bei mir jedenfalls ein Netzwerk sofort.
Hovestädt: Bei KONTRASTE sieht man das übrigens auch häufiger. Wenn man als Fernsehkollege mit Lokalredakteuren spricht, funktioniert das als Rechercheanlaufstelle und man wird sogar Kooperationspartner. Ich glaube, das ist schon einige Jahre her, aber wir haben auch schon mal mit dem SPIEGEL eine oder zwei gemeinsame Geschichten gemacht. Da hatten wir aber noch Montags den Sendetermin und sind gemeinsam mit dem SPIEGEL raus gekommen. Das passiert selten.
Mascolo: Wir haben auch schon mit der „Lausitzer Rundschau“ kooperiert, und wenn ich darauf hinweisen darf, mit dem Kollegen Fröhlingsdorf haben wir so hervorragend kooperiert, dass wir ihn jetzt sogar eingestellt haben.
Leif: Professor Haller bitte.
Haller: Also ich finde, dass es in beide Richtungen gehen sollte, einmal in die, die wir heute Vormittag diskutiert haben und die von jetzt. Jetzt haben wir das Augenmerk vor allen Dingen auf die Frage gelegt, wie wir intern kooperieren können. Ich denke, dass das, was hier angesprochen wurde, wie z.B. themenzentriertes Kooperieren, dass sich verschiedene Rechercheure, Redaktionen oder Medien je nach Thema zusammenfinden oder dass man eine Art Infrastruktur daraus hervorgehen lässt, die dann auch anderen weiteren Themen zu Gute kommt, kann man nicht beschließen, das muss sich entwickelt. Jedenfalls ist dieser Netzwerkgedanke als ein internes Verknüpfen und Zusammenarbeiten etwas ganz Zentrales. Trotzdem sollten wir das andere auch nicht unterschätzen. Das würde dort anknüpfen, was über die Situation der regionalen Zeitungen und des Alltagsjournalismus im Bereich des nachrichtlichen Informationsjournalismus angesprochen wurde. Ich denke, es gibt auch da einen gemeinsamen Nenner, und zwar, dass wir die Recherchiermöglichkeiten und die Recherchierbedingungen offensiv verbessern und offensiv werten müssen, damit wir die Felder der Recherche weiter stecken können. Wir dürfen das, was wir oder Sie hier von den sogenannten großen und durchschlagstarken Medien an Erfahrung mitbringen nicht verallgemeinern. Der Recherchieralltag auf der regionalen und lokalen Ebene sieht anders aus. Hier ist es in der Tat wichtig und sinnvoll, offensiv nach außen aufzutreten und dafür zu sorgen, dass die Mitglieder kleinerer Redaktionen Mut fassen, sich hier auch gestützt sehen und hier auch Rückfragemöglichkeiten finden. Sie müssen hier auch Probleme klären können, die sie in ihrem eigenen Umfeld nicht klären können, entweder weil die anderen auch zu nah dran sind oder weil die nicht kompetent genug sind. Ich glaube, dass sich ein solches Netzwerk hier, eben auch um der Sache Willen, gefunden hat und auch die nötige Kompetenz versammelt ist, die bis in die Richtung eines Expertensystems gehen kann, so wie wir es im Hochschulbereich seit Jahren entwickelt haben. Ich denke, es gibt ein doch relativ gutes und wechselseitiges Infosystem für einen Expertenaustausch und der gleichen, das auch heute noch mehr durch das Internet vorhanden ist.
Diesen zweiten gemeinsamen Nenner sollten wir nicht zu klein reden, sondern eher umgekehrt, groß reden und den Bedarf erkennen, der außerhalb dieses Kreises liegt.
Konsens von allen Seiten
Merz: Da würde ich auch voll zustimmen. Diese interne Zusammenarbeit organisiert man informell. Das funktioniert auch an vielen Stellen, wenn man es aktiv sucht, viel besser als über so eine Organisation. Da stimme ich Ihnen zu 150 Prozent zu.
Hartmut Heß: Ich wollte noch einmal einige Beispiele aus meiner eigenen Erfahrungen von früher beisteuern und damit zeigen, dass eine Zusammenarbeit auf den unterschiedlichen Ebenen durchaus notwendig ist. Anfang der 70er Jahre befand ich mich als Lokalredakteur in Hessen in der Situation, dass ich in einem Rathaus schlichtweg Hausverbot erteilt bekam, weil ich über Durchstechereien berichtet hatte. Ich will gar nicht sagen, dass ich sie aufgedeckt hatte, aber ich hatte über sie berichtet. Die Drohung mit einer Klage wegen Verletzung der Informationsfreiheit oder ähnliches half mir gar nicht. Was half, waren die Kollegen der Konkurrenzzeitungen, die gesagt haben, mit dem Bürgermeister reden wir nicht mehr, der kann erzählen was er will, es schreibt keiner mehr darüber, solange er mit dem Kollegen nicht mehr reden will. Das half dann wirklich, weil der Bürgermeister auf die Zeitungen angewiesen war.
Ein anderes Beispiel: In der Landespressekonferenz in Hessen kam es vor, dass wir bei riskanten Themen, wenn wir wussten, dass es einfach unmöglich war, dass einer sie bis zu Ende hieb- und stichfest durchrecherchierte, um damit auch vor Gericht Bestand zu haben, häufig zwischen zwei drei Kollegen Informationen ausgetauscht haben. Es wurde dann gemeinsam recherchiert und dann verabredet, wann die Geschichte veröffentlicht wird und möglichst so, dass keine Konkurrenz entstehen konnte.
Das war eine Absicherung und eine Hilfe, die etwas gebracht hat, auch wenn es nur auf einer privaten Ebene institutionalisiert war. Wenn das auf ein Netzwerk übertragbar ist, das bundesweit für Lokaljournalisten, für Leute, die auf Landes- oder Bundesebene arbeiten oder sogar darüber hinaus, funktionieren kann, dann kann das doch allen nur nützen und im Prinzip bringt es doch für niemanden Nachteile.
Leif: Danke für das Statement.
Andreas Heerwig: Ein Netzwerk darf natürlich nicht dazu führen, dass dann vor der eigenen Haustür nicht mehr gekehrt wird, und man sagt, gut dafür sind wir dann nicht mehr zuständig, sondern gibt es vielleicht irgendein überregionales Medium, wo dann aber die Themen möglicherweise liegen bleiben. Das ist natürlich auch eine Gefahr. Das Einzelkämpfertum, das es in Deutschland gibt, das erreicht ja durchaus etwas, und das darf durch so ein Netzwerk nicht eingeschränkt werden.
Leif: Nur noch mal zur Erklärung: Bei den Leuten, die sich zur Vorbereitung getroffen haben, die jetzt auch teilweise hier sind, entstand in verschiedenen privaten Gesprächen über mehrere Jahre der folgende Konsens: Das Ganze soll als eine Möglichkeit, als eine Chance verstanden werden und das Diktatorische bzw. Verpflichtende soll relativ gering sein. Von der Grundphilosophie soll kein Rahmen gesetzt werden, der sagt: Du sollst sondern eher: Man kann.
Es ist wichtig zu wissen, dass wir die Vereinsform nicht deshalb wählen, weil wir unbedingt einen deutschen Verein wollen, sondern aus formal pragmatischen Gründen: Es muss irgendeine Rechtsform geben, mit der man agieren kann, weil es irgendwann auch darauf ankommt, ökonomische Zusammenhänge zu klären, Gelder zu kriegen, vielleicht sogar Spenden absetzen zu können und ähnliches. Der Rahmen soll weich sein, und diese Kooperationsformen, die jetzt angesprochen worden sind, wären dann möglich. Es soll also nicht so sein, dass man etwas muss, sondern es soll ein Kooperationsrahmen entstehen und keine Festlegung sein.
Daßler: Ich glaube, wir haben hier auch alle ein gemeinsames Problem. Ich stelle immer wieder fest, dass selbst Journalistikstudenten oder Volontäre keine Zeitungen mehr lesen, nicht mehr die SÜDDEUTSCHE, nicht die ZEIT oder den SPIEGEL. Wenn meine Kinder Informationen brauchen, dann holen sie sich diese aus dem Internet. Die machen daraus dann super Vorträge in der Schule. Sie geben ihre Stichworte ein und finden ihre Informationen, aber sie lesen keine Zeitung mehr. Sie machen sich die Mühe nicht mehr. Was die Qualität anbelangt, habe ich eine sehr viel skeptischere Meinung. Dass sich Zeitungen durch Qualität durchsetzten, d.h., was gut recherchiert ist, das ist auch Qualität und wird gelesen, da machen viele Leute in Regionalzeitungen ganz andere Erfahrungen. Ich habe viele Jahre lang die großen Seite Drei Geschichten geschrieben und irgendwann wollte mich mein Chefredakteur mal ärgern, und ich musste über „Energie Cottbus“ schreiben.
Jeden Tag eine Kolumne über diese Mannschaft, zusätzlich zu den anderen Geschichten und das acht Wochen lang bis zum Endspiel gegen Stuttgart. Es kann sich ja jeder vorstellen, wie gehaltvoll diese Kolumnen waren, die ich jeden Tag noch kurz vor Feierabend so abdrücken musste, aber ich war auf einmal populär. Die Leute kannten mich auf der Straße, ich wurde angesprochen, die haben gesagt: „Das ist die, die die Kolumnen schreibt und jetzt liest sogar die Pfarrersfrau den Sportteil.“ Man sollte sich da nicht soviel vormachen, was Leute als Qualität empfinden. Deshalb haben wir in einem Netzwerk vielleicht auch ein wenig die Verantwortung, auch um unserer Selbst Willen, die Leute wieder dahin zu erziehen, dass die ein Angebot von guten Journalisten haben und dass sie es auch unterscheiden können
Hovestädt: Es geht ja um Wirkung von Recherche. Man sollte nicht erwarten, durch viel qualitative Recherche unglaubliche Wirkungen zu erzielen. Das ist die Erfahrung aus dem Fernsehen, dass es nicht wirklich einen Unterschied macht. Genau darum geht es ja in so einem Netzwerk, den Wert von qualitativer Recherche zu erhalten, dafür Ressourcen frei zu räumen, sich zu vernetzen, sich in dem Sinne vielleicht auch amerikanisch pragmatisch untereinander zu verständigen und diese ganzen Hürden abzubauen. Das finde ich auch sehr wichtig: Eine Lobby zu schaffen, die ausdrückt, dass gründliche Recherche etwas sehr wichtiges ist, das man erhalten muss.
Leif: Ich würde gerne noch mal Mr. Reeves das Wort geben. Er ist teilnehmender Beobachter und war für uns sozusagen als Entwicklungshelfer eingeflogen worden, weil wir gerne die US Erfahrungen, obwohl sie sehr anders sind als hier, reflektieren würden. Sie haben sehr lange zugehört. Wie ist Ihr Eindruck von diesem Diskussionsprozess?
Reeves: Wenn Sie das Netzwerk wollen, da wird ein Schlaraffenland draus werden. It´s the land of milk and honey. We have a Kokurrenzprobleme in IRE as well. We have team efforts in stories but more than three fourths of IRE´s work is training and software instruction: How to find something on the internet, a phonenumber of an official, very practical day to day help.The most common activity in IRE and it´s brother and sister organisation knightheart, the national institute for computer assited reporting, is the internet list serve IREL and the other list serve knightheart L, these are mailing lists on the internet. I don´t know what they are called. I hope you understand. There are probabely fiftytwo onehundered messages a day among working reporters that have saved me days of work at a time simply from seeing another reporters experience in handling a story, solving a problem with software. Sometimes educating need to the existence of a story even though the USA is big enough, as you have said, that local press doesn´t compete with each other. Detroit, Kansas City, Denver, L.A., not L.A. but in the rest of the country in the really big citys we don´t care in a sense what other city papers report but we do care for purposes of the Pulitzer Prize, the IRE award or other high level awards. To win those you have to come up with something new. I admit that we are so obsessed with winning those awards and I think a lot of daily newspapers are at the same way. I am at the Kansas City Star which has a circulation of around 300.000 in an area of 1.7 Million. So we are a very average market and readership. I don´t know how much this answers your question.
Leif: Ich möchte gerne noch einmal unseren Mitstreiter von Greenpeace vor dem Hintergrund seiner Amerika-Erfahrungen fragen: Wenn man die USA sieht, was da läuft - und jetzt unsere Diskussion mit verarbeitet und reflektiert - wo gibt es Gemeinsamkeiten? Wo sind bei uns jetzt noch Blindstellen, wo sind gemeinsame Probleme und worauf sollte man aufpassen. Was ist da Deine Einschätzung?
Redelfs: Ich möchte das jetzt nicht in einem Rundumschlag abhandeln, denn die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA haben wir gestern bereits ausführlich diskutiert. Stattdessen will ich mich auf den Netzwerkaspekt als große Chance beschränken: Ich denke, es ist ganz wichtig, dass überhaupt in so einem Kreis eine Debatte über Recherche als Qualitätssicherungsinstrument stattfindet. Dass hier Journalisten, die sich sonst vielleicht noch nie getroffen haben, Visitenkarten austauschen und auch am Rande des Treffens miteinander geredet haben, daraus entstehen vielleicht später einmal Kooperationen, die man gar nicht großartig strategisch planen kann. Das Schaffen dieser Anlässe ist schon ein Wert an sich. Das ist es auch, was IRE macht. Ich habe mal an einer Konferenz mit verschiedenen parallel stattfindenden Panels in New York teilgenommen, zu der sich fast 1.000 Teilnehmer angemeldet hatten. Das wichtigste dabei waren die informellen Kontakte, die daraus entstanden sind und das Lernen anhand von Rechercheerfahrungen, die Kollegen weitergegeben haben. Manche Dinge, die in den USA über IRE organisiert werden, werden uns wahrscheinlich nicht so stark beschäftigen: Der Bereich Computer Assisted Reporting spielt aus nahe liegenden Gründen wegen der strengeren Datenschutzbestimmungen, der geringeren Informationsmöglichkeiten, die wir in Deutschland haben, einfach keine Rolle. Die Möglichkeit, dass man in den USA Rohdaten der Verwaltung per Diskette bekommt und auswerten kann, fast nach dem Modell der Rasterfahndung, wie wir das aus unseligeren Zeiten in Deutschland kennen, ist hier unvorstellbar. Das wird so schnell in Deutschland nicht kommen und ich frage mich auch, ob man das unbedingt wünschen sollte. Besseren Informationszugang schon, aber ich glaube, die Voraussetzungen für Arbeit mit Rohdaten der Verwaltung werden wir so schnell nicht haben. Gleichwohl kann es aber Aufgabe eines solchen Netzwerkes oder Vereins sein, sich z.B. für das Informationsfreiheitsgesetz einzusetzen, das zur Zeit im Innenministerium vorbereitet wird. Es wundert mich, dass es dazu bisher so wenige Kommentare aus dem Journalismus gibt. Ich denke auch, dass einige praktische US-Ideen zur Qualitätssicherung kopiert werden könnten, wie zum Beispiel diese Korrekturmeldungen in den Zeitungen, mit denen sich die Medien offen dazu bekennen, wenn mal etwas schief gelaufen ist.
Leif: Herr Fröhlingsdorf, was ist Ihre Bilanz, auch die aus der Perspektive Ihres alten Jobs? Was könnte es bringen, was sind die drei Essentiales, die Sie befürworten würden oder wo Sie auch vielleicht ein Warnschild aufstellen.
Fröhlingsdorf: Ich habe ja vorhin schon gesagt, ich habe mich sehr als Einzelkämpfer gefühlt, insofern ist natürlich eine Verbindung zu anderen Kollegen auf jeden Fall gut. Wenn man weniger in der eigenen Redaktion bekommt, sondern Informationen woanders herholen muss, dann wäre dieses Netzwerk auf jeden Fall eine große Hilfe. Wie weit dann das nachher bei konkreten Schichten eine Rolle spielt, weiß ich nicht. Die Idee ist auf jeden Fall gut.
Leyendecker: Der Ausbildungsaspekt und die Didaktik sollten eine Lobby für Recherche sein. Infoservice und Urteile sollten heute unbedingt geboten werden. Das „Come together“ ist ein Wert an sich, das kann ich nachvollziehen. Ich glaube, dass aus dem „Come together“ aber auch praktisch etwas werden sollte. Entweder entschließt man sich tatsächlich dazu, irgendwann so eine Art Preis zu schaffen oder man schließt sich zu einer kleinen Journalistenlobby zusammen, die eingreift, wenn es darum geht, Unsitten anzuprangern.
Mascolo: Ich halte es für eine vernünftige Idee, es auszuprobieren. Ich würde allerdings, bevor ein Preis vergeben wird, darüber nachdenken, ob es nicht beispielsweise die Möglichkeit gibt, sich einmal ein gemeinsames Projekt zu suchen. Ich möchte noch einmal auf das Jammern über die schlechten Möglichkeiten der Recherche zurückkommen. In den drei Bundesländern, in denen es bereits Informationszugangsgesetze gibt, auf Bundesebene wird ja jetzt auch eins kommen, empfehle ich, sich die Statistiken anzugucken, wie oft Journalisten davon Gebrauch machen. Da stellt man fest, nie. Wenn man sieht, welche Möglichkeiten die Gesetze bieten, ist das enorm.
Ich glaube, die Jammerei darüber wie es wäre, wenn man den FOIA hätte, ist 20 Jahre alt und jetzt gibt es ihn in einigen Bundesländern schon - und im Bund wird er kommen, in welcher konkreten Ausgestaltung auch immer - doch Journalisten machen keinen Gebrauch davon. Das könnte ein erstes gemeinsames Projekt sein, warum nimmt man sich nicht gemeinsam was vor und überlegt sich ein Themengebiet, an dem dann Kollegen gemeinsam arbeiten. Das ist was, das kann man nebenher machen, da hat man keinen Konkurrenzdruck.
Leif: Dagmar Hovenstädt bitte.
Hovestädt: Ich würde auch das mit der Preisverschieberei durchaus unterstützen. Ich glaube, so sehr es die Amerikaner motiviert, irgendwelche Preise zu Hause ins Regal zu stellen, in Deutschland funktioniert das nicht so. Gemeinsame Projektideen zu entwickeln finde ich besser. Deine rhetorische Bedenkenträgerei verstehe ich gar nicht, im Grunde genommen kann man doch nichts verlieren. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Ich finde, das ist einfach ein klarer Startschuss dafür.
Leif: Nur eine kurze Anmerkung zu dem Preis. Gestern erzählte Herr Reeves, dass die Bewerbungen für zum Beispiel einen journalistischen Preis, viel Stoff zusammen bringen. Leute rekonstruieren z.B. ihre Stories und es sind damit so viele Impulse da, so viel gutes Material, dass das eine ganz klare Innovation gegenüber den anderen PR Preisen und Schwachmaaten Preisen ist. Eine zweite Sache: Ich kann nur sagen, dass z.B. dieses Sammlungsbuch, das wir über „Leidenschaft Recherche“ gemacht haben, ziemlich viel bewegt und ziemlich viele jüngere Leute motiviert hat. Es wird auch in der Ausbildung genutzt, etwa bei der Bundeszentrale. Aus einem Preis dieser Art könnte man ohne Probleme wieder solch ein Buch generieren, das wird ja auch an anderer Stelle gemacht. Ich glaube, die Rekonstruktion von Geschichten erfüllt zwei Aspekte, die hier immer wieder genannt worden sind. Erstens: Journalisten müssen sich selbst hinterfragen, es ist gar nicht so leicht, so ein Ding zu schreiben, weil man da nicht mehr rumfuschen kann, sondern es ist anstrengend und reflektiert die Prozesse. Zweitens: Es ist immer wieder eine wunderbare Anstiftung für andere, die sich so was abschauen können und zeigt auch, dass es nicht irgendeine Spezialität ist. Das nur als Einschränkung.
Letzte Wortmeldung von Hans Leyendecker in der Reflexion auf das, was wir diskutiert haben, was es bringen kann und wie Sie einen Überraschungsscoop für die Zukunft sehen.
Leyendecker: Das meiste ist gesagt worden. Wichtig ist, dass man Leute ermutigt, andere Leute kennen zu lernen und mit denen auch über das reden, was sie die meiste Zeit ihres Lebens machen. Das muss dann damit verbunden sein, dass man über die handwerklichen Dinge redet. Es ist ja alles keine Geheimkunst, Recherche ist, das wissen wir alle, ein schlichtes Handwerk. So wie der Fliesenleger Fliesen legt, so recherchiert man. Von daher muss man beobachten, welche Veränderungen es in der Recherche gibt, was man voneinander lernen kann. Wenn man da so ein Netzwerk beieinander hat, ist das schon eine ganze Menge.
Leif:. Aber es gibt so eine Chance, oder noch mehr als eine Chance, die Sie mitorganisiert haben und wo Sie Kontakte geknüpft haben, die unserer Idee, die wir für ein Netzwerk haben, eventuell sogar zum Durchbruch verhelfen könnte. Ich sage es mal so vorsichtig, weil ich es auch so wenig weiß, was ist dieser Scoop?
Leyendecker: Ich habe die Möglichkeit, über einen befreundeten Journalisten aus Amerika eine Millionen für einen Preis zu bekommen. Er sagt, in Deutschland muss ein richtiger Preis her, allerdings möchte er einen sehr hochdotierten Preis haben. Seine Vorstellung ist, dass man die Millionen auf ein Sperrkonto gibt, und von den Zinsen dann z.B. einen Teil der Verwaltungskosten, die entstehen werden, bezahlen kann.
Ich habe mit ihm gestern Abend noch mal darüber diskutiert, aber mir ist nicht ganz klar, wo die Trennschärfe zum Wächterpreis liegt. Das ist sicherlich eine der Schwierigkeiten. Wir haben ja sehr viele tolle Preise. Die besten Journalisten bekommen den Kisch Preis oder den Theodor Wolf Preis. Wir stehen dann manchmal für den Wächterpreis an, und der erfüllt ja viele dieser Dinge. Der amerikanische Journalist sagt, mache einfach einen hochdotierten Preis. Seiner Vorstellung nach soll es so sein, dass das dann erst mal zehn Jahre läuft und man dann jedes Jahr 100 000 Mark dazugibt. Das wäre von der Zahl her gigantisch. Ich weiß nicht, ob das klug ist, da müsste man erst mal hier untereinander reden, ob man das überhaupt so will und wenn man es will, wie man es gestalten möchte und ob man dann drei Preise macht. Ihm ist es wichtig, dass es ein Preis ist, der jetzt nicht bei 25 000 oder 30 000 Mark liegen würde.
Leif: Der gute Freund aus Amerika stützt auch dieses Anliegen, das wir diskutiert haben?
Leyendecker: Ja.
Plenum: Mussten sie Ihr Ehrenwort geben, um nicht zu sagen, wer es ist?
Leyendecker: Er wollte es nicht. Das ist eigentlich auch eine Schwierigkeit.
...
Prof. Ludwig / Uni Hamburg: Können Sie vielleicht Ihre Institution noch mal erklären?
Stefan Robiné (ZFP): ZFP steht für Zentrale Fortbildung Programmmitarbeiter. Diese Einrichtung gibt es nächstes Jahr seit 25 Jahren. Es ist die einzige gemeinsame Fortbildungseinrichtung von ARD und ZDF und hat einen relativ großen Wirkungskreis. Es gibt 3000 Teilnehmer im Jahr. Der Sitz und die Trainingszentren sind in Wiesbaden und Hannover.
Leif: Gibt es zu diesem Ausbildungsaspekt noch Anregungen, irgendwelche Hinweise, Fragen oder ist das weitgehend d´acord, dass man in diesem Feld Aktivitäten entfalten sollte? Es ist nicht besonders streitig gewesen bis jetzt. Sonst würde ich vorschlagen, dass wir jetzt diese Einzelaspekte nacheinander abgehen, wir müssen nicht in jedem Punkt, zu jeder Silbe abnicken, sondern es geht darum, Meinungsbilder, die gründlich sind, abzustimmen, dass man ungefähr weiß, dass es das ist, worauf man arbeiten kann, ohne dass man mit jedem I- Tüpfelchen einverstanden ist. Man muss nicht für jedes Feld, was zu diskutieren ist, das gleiche Interesse haben.
Daßler: Ich arbeite seit 10 Jahren für die Bundeszentrale für politische Bildung in einem Lokaljournalisten Fortbildungsprogramm. Wir machen auch jedes Jahr mindestens ein Rechercheseminar, an dem dann immer so 40 bis 44 Leute aus ganz Deutschland, manchmal auch aus den neuen Ländern, teilnehmen. Das wäre natürlich auch ein Gremium, mit dem man zusammenarbeiten könnte. Da könnte man jemanden in die Seminare schicken, einen aus unserem Kreis, der unser Vorhaben vorstellt und damit vielleicht die Kollegen, die sich für Recherche besonders interessieren, erreicht. Es geht ja nicht nur um die Auszubildenden, um die Volontäre, sondern gerade auch um die Kollegen, die schon zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre im Beruf sind und irgendwo da alleine vor sich hindümpeln.

