"Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen" 2008 für Peter Merseburger

Laudatio von Hans Leyendecker

Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen - Der Medienpreis des netzwerk rechercheAnrede,

Wenn ein Journalist einen anderen Journalisten ehrt, ist das aus vielerlei Gründen nicht ganz einfach. Ich habe es bei einer solchen Gelegenheit schon erlebt, dass sich ein Kollege heftig versprochen hat. Er sagte: "Gegnerschaft und Bewunderung schließen sich nicht gegenseitig aus". Und dann, nach einer kleinen Pause: "Meine Damen und Herren, ich bewundere mich".

Peter Merseburger, den wir heute auszeichnen wollen, hatte immer treue Bewunderer und häufig genug auch verlässliche Gegner. "Seine stechenden Augen, die Attitüde des deutschen Gymnasiallehrers alten Typs hinter dem Katheder, der jesuitische Zug“ machten Merseburger nicht gerade zu einem "Mann fürs Herz" textete 1975 ein FAZ-Journalist.

"Wer kennt sein Gesicht nicht von der Mattscheibe im Wohnzimmer – die schmalen, klugen, skeptischen Augen, die hohe Stirn, furchendurchzogen unter dem angegrauten Haarschopf" - so rühmte ihn gut ein Jahrzehnt später der Ost-Berliner Schriftsteller Stefan Heym.

Zu Merseburgers 80. Geburtstag im Mai dieses Jahres schrieb die kundige Franziska Augstein, der Mann sehe heute ein bisschen wie ein genialer Professor aus. Sein ergrautes Haar sei lockig, was auf Inspiration hinweise, seine rund eingefassten Brillengläser verrieten den Intellektuellen. Er eigne sich auch für die Rolle eines Erfinders, der in seiner Garage eine Zeitmaschine baut. Was Frauen von Männern nicht alles erwarten.

Journalisten wissen: Jeder sieht, was er sehen will. Aber stechende Augen? Bestechend sind manchmal seine Argumente, durchdringend ist sein Verstand. Merseburger hat übrigens einen Kennerblick für die Kostüme, in die Kulturmenschen gern ihre Unzulänglichkeiten und Lebenslügen stecken.

Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche möchte heute Peter Merseburger mit dem Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen auszeichnen. Er erhält, so lautet die Begründung, den Preis für seine im Jahr 2007 erschienene Biografie über Rudolf Augstein und für sein journalistisches Lebenswerk.

Den Hinweis auf ein Lebenswerk kennen Sie schon von anderen Gelegenheiten. Das ist manchmal nur ein kleiner Trick der stolzen Preisverleiher, wenn sie sich ein bisschen spät mit einem ganz Großen schmücken wollen, der leider schon im Ruhestand ist. Das ist Merseburger glücklicherweise noch nicht. Er ist immer noch der alte Alchemist, der am Schreibtisch sitzt und in einem engen Nest aus Papieren, Büchern und Zeitungen die Welt destilliert. Andererseits bietet der Hinweis auf sein Lebenswerk die Möglichkeit, ein großes Journalistenleben zu betrachten.

Also nehmen wir doch Franziska Augsteins Zeitmaschine. Der Beamtensohn Merseburger, der in Halle und Marburg studierte, stammt aus dem sächsischen Zeitz, wo er seit Anfang dieses Monats auch Ehrenbürger ist. Als er im Friedenssaal des Zeitzer Rathauses über seine Kindheit sprach, erwähnte er die Blutbuche in Großvaters Garten und die Gerüche, die ihm in Erinnerung geblieben seien: Der Gestank nach Chemie und die Abluft verbrannter Braunkohle. Auch sagte er, dass es früher in Zeitz für ihn manchmal ein bisschen eng gewesen sei. Merseburger hatte 1947 vierzehn Tage im örtlichen Gefängnis verbracht, weil er für die CDU Plakate geklebt und Zeitungen, die es in Sachsen nicht geben durfte, verteilt hatte.

Für dieses Engagement, meine Damen und Herren, heute ist vielleicht die Gelegenheit, das mal zu erwähnen, hat ihm die CDU niemals gedankt. Vielleicht waren die Oberen beschämt, dass einer hinter Gittern kam, weil er der Partei etwas Gutes tun wollte. Und für das Gute brauchte es bei Merseburger nicht mal ein Ehrenwort.

Ja, wenn man die Fernsehzeit Merseburgers Revue passieren lässt, kann sogar der Eindruck aufkommen, dass die CDU ein undankbarer Haufen ist. Mancher Christdemokrat hat ihn behandelt wie einen Feind, wie den Feind.

Dazu bot sich vor allem Gelegenheit, als Merseburger 1967 die Leitung des ältesten politischen Fernsehmagazins "Panorama" übernahm. Der Ausruf des CDU-Abgeordneten Friedrich Vogel im Bundestag, "dass wir das intellektuelle Gerede eines Herrn Merseburger endlich leid sind", war damals noch eine der nettesten Bemerkungen der Bürgerlichen über den Moderator. Üblich waren Anfeindungen wie "Agitation", "Demagogik", "Manipulation". Immer wieder drängten die Christsozialen ihren damals fast hauseigenen Sender, den Bayerischen Rundfunk, zur Abschaltung, wenn Merseburger mit Panorama erschien. Nach dem Streit um einen abgesetzten Panorama-Beitrag über den Paragraphen 218 forderten CDU-Politiker, dieser Merseburger müsse vor Bundestagswahlen vom Bildschirm verbannt werden.

Es war eine aufregende und auch eine aufgeregte Zeit und das Bemerkenswerte daran ist unter anderem, dass das Programm aufregte und auch aufregend war: Es ging um was: Um Studentenproteste, die Anarcho-Szene, Ost-Verträge, RAF-Terrorismus, Notstandsgesetze und die Apo - Schelte von Franz Josef Strauß, der gesagt hatte: "Eine kleine Zahl von Außergesetzlichen benimmt sich wie Tiere, auf die die Anwendung der für Menschen gedachten Gesetze nicht möglich ist". Der Moderator hielt damals noch im Sinne des Wortes seinen Kopf für die Sendung hin. "Wenn die roten Sendungen nicht bald aufhören, dann knallt s", schrieb ihm ein Anonymus und hinter Merseburgers Schreibtisch hing ein Hampelmann mit seinen Gesichtszügen: Hinten drauf stand: "Genosse, Stinker und Verräter".

"Wieder Krach um Merseburger" titelte Bild nur all zu gern und das Springer-Blatt Welt berichtete 1974 über einen "Putschversuch" von oben. Der Staatsstreich bestand darin, dass der damalige NDR-Intendant Martin Neuffer den auslaufenden Vertrag Merseburgers gegen den Willen der CDU verlängert hatte.

Damals hatte eine Sendung wie Panorama Einschaltquoten von bis zu 70 Prozent, der Schnitt lag weit über 30 Prozent. Das Fernsehen war nicht nur Schaufenster zur Welt, sondern auch Opposition und entschieden aufklärerisch. Zuschauer suchten Erklärungen für die verwirrenden Nachrichten aus aller Welt. Die ARD galt, gleich nach der BBC, als bestes Fernsehsystem der Welt. Dann trug die Parteipolitisierung zum Niedergang bei.

Und heute? Bambi statt Brennpunkt. Als Moden dahinwogende Oberflächlichkeit statt Hintergrund. Das Primäre ist oft das Geplauder, das Sekundäre: das Worüber. Man ist unten und könnte nicht sagen, wie man hinunter kam. Vom Fernsehen kann man häufig nur noch in Diminutiven sprechen. Es hat nicht Hand und Fuß, sondern Händchen und Füßchen. Mit den Schätzen der Alten gehen viele Junge nicht sorgsam um. Aber vielleicht wissen einige von ihnen gar nicht, was sie geerbt haben. Das ist so, um Jürgen Leinemann zu zitieren, wie mit den Zusammenhängen, aus denen keine Dinge mehr gerissen werden, weil die Mikrofonhalter keine Zusammenhänge mehr kennen.

Wer an den Panorama - Merseburger denkt, der später Korrespondent in Washington, Ost-Berlin und London war, dem fällt meist gleich auch der Name Gerhard Löwenthal ein. Der war beim Zweiten und hatte mit seinem "ZDF-Magazin" längst nicht so viele Zuschauer wie der vom Ersten, aber er war von sich überzeugt und überzeugte zumindest seine Gefolgsleute.

Der Linke und der Rechte, das sind Vokabeln aus der alten Zeit, die erklären sollen, aber nicht viel besagen. Merseburger war nie ein Parteimann, er wollte stets gesellschaftliche Aufklärung. Auch Löwenthal sah sich als Aufklärer. Ich glaube aber, dass man ihm nicht unrecht tut, wenn man sagt, dass er deutlich rechthaberischer als Merseburger war. Löwenthal verstand es, im zweifachen Sinn des Wortes, sich Feinde zu machen. Ein sehr orthodoxer Einzelgänger.

Es gibt den Fernsehmenschen Merseburger, es gibt aber auch den Büchermenschen Merseburger, der an der Wegbiegung zum Alter noch ein außerordentlich erfolgreiches zweites berufliches Leben begonnen hat und zu einem Seismographen wurde, der Richtung und Dauer gesellschaftlicher Beben aufzeichnet.

Merseburger war 67 Jahre alt, als er die erste große biographische Skizze über Kurt Schumacher, den so schwierigen Deutschen, ablieferte und er war schon im eigenen Feuer ausgeglüht, gehärtet. Möglicherweise war Merseburger im besten Wortsinn fertig, als er Biograph wurde. Er konnte zuhören, er konnte erzählen, er konnte recherchieren, er konnte analysieren. Der Dichter muss es mit der äußeren Wahrheit eines Geschehens nicht so genau nehmen, wenn nur die innere zu ihrem Recht kommt. Beim Biographen ist das anders. Da darf nichts zwischen den Zeilen nur so mitlaufen.

"Weiß der Himmel, wie er es zuwege brachte, sich in drei oder vier Jahren durch das Gebirge der Chroniken, der Dossiers, der Korrespondenzen, der gedruckten Zeugnisse aus annähernd neun Jahrzehnten" zu arbeiten, staunte Klaus Harpprecht, als er die vor sechs Jahren erschienene Brandt-Biografie Merseburgers würdigte.

Manchmal weist Merseburger darauf hin, dass er in seiner Zeit beim Spiegel, bei dem er auch war, viel gelernt habe.

Jetzt wird es schwierig, meine Damen und Herren, denn jetzt beginnt die steinige Recherche.

Peter Merseburger, das immerhin steht fest, stand erstmals am 20.1.1960 im Spiegel-Impressum. Wahrscheinlich wurde er zum 1.1. 1960 eingestellt, aber das war nicht eindeutig zu klären, weil ich den zu Ehrenden nicht fragen wollte. Chefredakteur war damals Hans Detlev Becker, die Redaktion war noch übersichtlich: Das Impressum reichte von Kurt Blauhorn bis Günther Zacharias und umfasste nur 28 Namen.

Die erste Merseburger-Fundstelle im Spiegel datiert übrigens bereits vom 13.05 1959, also noch vor seinem Eintritt in die Redaktion. In einer Geschichte über den Schriftsteller Arno Schmidt findet sich auf Seite 44 die Wendung, in dessen Werk sei die Zeile "eiris sazun idisi" zu finden – so beginne der erste der so genannten "Merseburger Zaubersprüche", "ein im 10. Jahrhundert aufgezeichneter Text, dem die beschwörende Kraft zugesprochen wurde, gefangene Krieger aus ihren Fesseln zu befreien".

Gefangene Krieger aus ihren Fesseln zu befreien, das ist kein schlechtes Bild. Man kann es verwenden, für die, die beim Spiegel ihr Glück fanden, aber auch für die, die es nach draußen schafften und dann erst glücklich wurden.

Ein Spiegel-Gespräch mit Heinrich Rau, dem damaligen Minister für Außenhandel und innerdeutschen Handel der DDR, erschienen am 9. November 1960, ist der erste Beitrag im Spiegel, an dem Merseburger nachweislich mitgearbeitet hat. Am 28. August 1963 erschien ein Informationsrundschreiben, dass Merseburger am 1. September seinen Dienst in der neu eingerichteten Redaktionsvertretung Brüssel aufnehme. Die Telefonnummer werde noch mitgeteilt. Ausgeschieden ist Merseburger zweifelsfrei zum 31.3 1965. Er hatte in diesen fünf Jahren für den Spiegel in Hamburg, Berlin und Brüssel gearbeitet.

Zumindest die Fachwelt hatte deshalb gespannt auf Merseburgers Augstein-Biografie gewartet. Über Augstein, der mit Jens Daniel einen genialen Hommunkulus hatte, kursieren viele Geschichten. Mancher hat sich sogar mit der Nähe zu ihm geschmückt, als wäre er ein unehelicher Sohn des Alten, aber das war nur Anmaßung oder ein großes Missverständnis.

Merseburger hatte den Spiegel-Gründer früh anders als jene erklärt, denen beim Namen Augstein immer nur der oft missbrauchte Satz vom "Sturmgeschütz der Demokratie" einfällt: Augstein habe versucht, "mit seinem Blatt Front gegen den Muff der Restaurationszeit zu machen", sagte Merseburger: "Gegen die Enge der Rheinbund-Atmosphäre. Gegen den Provinzialismus Bonns. Gegen die Erstarrung der deutschen Politik in der Hallstein-Zeit und gegen den Obrigkeitsstaat. Und er war immer für Sauberkeit in der Politik. Wenn Sie so wollen, hat er mit seinem Organ ein Purgativum der deutschen Nachkriegsgesellschaft geschaffen." Das alles sagte Merseburger bereits am 3.11. 1993 in N3.

Sein Buch über Augstein ist ein Meisterstück der Recherche geworden. Es ist die erste Biografie, die Augstein erklärt.

Bei der Suche nach Material über die Jugend Augsteins hat sich Merseburger sogar für Bewegungen in den katholischen Tanzschulen Hannovers interessiert.

Merseburger bekam in Hamburg beim Spiegel Einblick in 1700 Akten, zum Teil mit Exklusivmaterial. Das waren die Unterlagen und die Korrespondenz, die Augstein aufbewahren ließ. Die Familie hatte dazu ihr Einverständnis gegeben, weil man einem wie Merseburger trauen kann. Merseburger verklärt nicht, er vergöttert nicht und hält respektvolle Distanz. Er hat Haltung. Er ist kritisch, aber fair.

Etwa hundert Tage saßen Merseburger und/oder sein Helfer, der junge Historiker Alexander Behrens, im Zimmer von Heinz Egleder, der Leiter der Hausdokumentation des Spiegel ist und sichteten die Papiere. Kopien durften nicht gemacht werden. Nur Exzerpte.

Merseburger kam morgens gegen 9 Uhr, trank Wasser, las, schrieb, verschwand ab und zu auf der Toilette und las und schrieb dann weiter. Abends ging er zum Essen.

Merseburger entdeckte Augstein-Texte, die bis dahin unbekannt waren: Einen Brief etwa, den der junge Augstein während seines Reichsarbeitsdienstes in Kulm an der Weichsel im Dezember 1941 an die Eltern schrieb: "Hebt meine Briefe auf... Ich werde die Welt aufhorchen machen und der erste Augstein im Lexikon sein." Der Brief war in Sütterlin geschrieben und die Nachgeborenen hatten ihn nicht entziffert. Augstein hatte eine sehr ausgeschriebene Sütterlin-Schrift.

Ich will Sie nicht mit Spiegel-Interna langweilen, aber zur Geschichte des Blattes gehört der eben erwähnte Ex-Chefredakteur Becker, der später mit dem Spiegel über Kreuz war. Merseburger schaffte es, dass Becker mit ihm redete, was fast so schwierig ist, wie der Versuch, ein Interview mit Fidel Castro zu bekommen.

Das Gespräch fand im 12. Stock des Spiegel statt. Merseburger durfte kein Tonband mitnehmen. Hausdokumentar Egleder war Zeuge und durfte ein Band mitlaufen laufen. Merseburger hörte zu. Ab und zu notierte er sich etwas. Das Geschriebene sah aus wie Kurzschrift – Stolze-Schrey vielleicht. Später legte er Becker dessen Zitate vor. Egleder verglich sie mit seinem Band und zu seiner Verblüffung waren die Sätze fast wörtlich.

Merseburger geht zwar etwas gebeugt, aber er muss im Kopf ein Webschiffchen haben, das unaufhörlich hin und her schießt und ihn antreibt.

Am 8. Oktober dieses Jahres las er in der Spiegel-Kantine aus seinem Buch und eine junge Zuhörerin fragte den anwesenden Becker, ob denn die vielen Fakten in der Augstein-Biografie stimmen würden. Da stand HDB auf, wie Becker im Spiegel-Jargon genannt wurde, und sagte: "Es steht nichts in dem Buch, was ich als Zeitzeuge nicht bestätigen könnte".

Das ist für einen wie Becker, der früher vorzugsweise grüne Tinte verwendete und dann doch nur das Wort "Piss-Geschichte" an den Rand schrieb, ein sehr großes Lob.

Meine Damen und Herren: Wo Augstein war, war Adenauer nie weit. Deshalb zum Abschluss eine kleine Anekdote des ersten Bundeskanzlers. Als der neunzig wurde, gab ihm jemand die Hand und sagte: "Herr Bundeskanzler, ich wünsche Ihnen, dass sie hundert Jahre alt werden". Adenauer blickte ihn grimmig an und sagte: "Warum wollen Sie der Barmherzigkeit Gottes so enge Grenzen setzen".

Also wünsche ich dem 80jährigen Großpublizisten Merseburger viele gute, gesunde Jahre, viel Schaffenskraft, gute Recherchen weiterhin und der Barmherzigkeit Gottes kein Ende. Glückwunsch, Peter Merseburger.