Verschlossene Auster 2004 für den Info-Blocker HypoVereinsbank

Laudatio von Christoph Arnowski anlässlich der Verleihung der "Verschlossenen Auster" von Netzwerk Recherche an Dr. Albrecht Schmidt

5. Juni 2004 in Hamburg
Die Verschlossene Auster - Negativpreis des netzwerk recherche für den Informationsblockierer des Jahres "Stellen Sie sich vor, Sie werden als Fernseh- oder Hörfunk-Journalist zu einer Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft eingeladen. Und erfahren dann, dass Sie nur das aufnehmen dürfen, was die Firma will, die Rede des Chefs, nicht aber die Aussprache mit den Aktionären. Sie sagen unvorstellbar? Ich muss Ihnen leider sagen, dass ist bundesdeutscher Alltag. Was Schrempp und Co an Kritik zu hören bekommen, kann so nur noch sehr indirekt berichtet werden. Das Drehverbot in der Halle, ein einfaches, aber wirksames Mittel. Deutsche Aktiengesellschaften verhalten sich wie Staatskombinate im Ostblock.

Freie Berichterstattung ist für Unternehmen oft ein Fremdwort, das man allenfalls in Sonntagsreden schreibt. Werktags gilt Zensur. Manager, die für zehntausende Arbeitsplätze Verantwortung tragen, die mit ihren Standortentscheidungen mehr Politik machen als Wirtschafts- und Finanzminister zusammen, mögen es noch weniger als die Minister, wenn sie von uns kritisch begleitet werden. Und deshalb tun sie, was sie können, um unsere Arbeit zu beeinflussen.

Auch bei Hauptversammlungen.
Und dafür gehört Herrn Dr. Albrecht Schmidt, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der HypoVereinsbank, die verschlossene Auster. Netzwerk Recherche zeichnet Sie stellvertretend für alle Informationsverhinderer aus. Sie befinden sich - ich muss leider sagen - schlechter Gesellschaft. Von 30 deutschen DAX-Unternehmen handeln 29 wie das Ihre. Nur Adidas-Salomon nicht. Bei der Hauptversammlung des Sportartiklers darf alles aufgenommen werden. Und die AG ist außerordentlich erfolgreich.

"Transparenz durch Vertrauen" schreibt die Münchner Rück, der Großaktionär der HVB, auf seine Homepage, predigt das hohe Lied der Cooperate Governance. Wenn aber Frauke Ancker, die Geschäftsführerin des Bayerischen Journalisten-Verbandes auf der Hauptversammlung mit einer Aktie in der Hand per Geschäftsordnungsantrag unbehinderte Berichterstattung einfordert, verweist sie Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann vom Rednerpult, läßt sie nichteinmal ausreden. Sie sagen unvorstellbar, ich muss Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, lsagen, das ist letztes Jahr leider passiert.

Die bayerischen Journalisten, und das darf ich jetzt hier im hohen Norden einmal mit einem gewissen Stolz sagen, wir lassen uns von dieser Pressefeindlichkeit nicht beeindrucken. Wir haben uns was einfallen lassen. Wir sind unter die Kleinaktionäre gegangen, haben uns damit das Rederecht erkauft und fordern jetzt auf jeder Hauptversammlung eigentlich nur Eines: Lasst uns bitte ganz normal arbeiten, wie auf Parteitagen beispielsweise.

Und dann treffen wir auf Herren wie Herrn Schmidt. Und was machen die? Mit unhaltbaren Argumenten versuchen sie uns weis zu machen, dass die Berichterstattung rechtlich nur so möglich ist, wie Sie das wollen. Sagen, dass so ein Treffen mit mehreren tausend Besuchern eine private Veranstaltung sei. Ich frage Herrn Schmidt und seine Kollegen nochmal: Ja warum laden Sie uns dann überhaupt ein? Und warum fragen Sie nicht einmal ihre Aktionäre, was die davon halten? Stattdessen bevormunden sie die Besitzer der Unternehmen, und geben dabei vor, deren Persönlichkeitsrechte zu schützen.

Das Motiv ist durchsichtig: Gerade in Zeiten, in denen die Gehälter mit Optionsprogrammen in Höhen gepuscht werden, die selbst dem Bayerischen Ministerpräsidenten suspekt sind, in diesen Zeiten, wo gleichzeitig jeden Tag die Arbeitsplätze zu tausenden gestrichen werden, sind Hauptversammlungen für das Unternehmensführungen der vermutlich unangenehmste Arbeitstag des Jahres. Stundenlang bekommen Sie meist sehr fundiert entgegengehalten, was Sie alles falsch gemacht haben. Klar dass Sie das am Abend nicht auch noch in der Tagesschau sehen wollen.

Da wollen Sie lieber ihre salbungsvollen Prognosen hören, dass zum Beispiel - ich will mal den HypoVereinsbankvorstand zitieren - die Bank im Rahmen ihrer ambitionierten Erwartungen liege. Die Börse hat es an jenem Vormittag nach Veröffentlichung der Quartalszahlen anders gesehen, die HVB-Aktie ist innerhalb von vier Stunden um zehn Prozent abgeschmiert, ein unvorstellbarer Crash für ein solches Börsenschwergewicht. Den Aktionären hat man das in der Halle übrigens gar nicht gesagt, das nenne ich doch eine Informationspolitik, so wie sie Ihrem Großaktionär, der Münchner Rück, vorschwebt: Vertrauen durch Transparenz.

Im Ernst, ich bin überzeugt, mehr Transparenz täte der Börse wirklich gut. Wenn Sie den Leuten endlich vermittelten, dass Sie nichts zu verbergen haben, dann wird das Vertrauen in die Wirtschaft wachsen. Und das brauchen wir ganz dringend.

Doch statt mit einer offenen Informationspolitik versuchen Sie ihre Aktionäre lieber mit Bockwürsten und Leberkässemmeln zu ködern. Uns Journalisten speisen Sie auf der Hauptversammlung anders ab. Trotz gestrichener Dividende, das Essen im Pressezentrum ist nach wie vor erstklassig, nach dem Motto, wenn die Reporter schon nicht richtig berichten dürfen, sollen sie wenigstens gut essen. So hält man uns bei Laune. Nicht alle von uns, aber doch manche.

Und an dieser Stelle komme ich nicht umhin, einige kritische Anmerkungen an die eigene Zunft zu richten. Und ich bleibe beispielhaft wieder beim Preisträger, der HypoVereinsbank. Dass man sich ab und zu trifft, im lockeren Rahmen, beim Neujahrsempfang oder beim Sommerpressefest, das gehört zu unserem Job. Aber muss ein solches Fest über zwei Tage gehen mit Golf-Schnupperkurs oder Bootsausflug, kostenlosem Limousinen-Service ins Hotel, in dem dann die Zimmer für auswärtige Kollegen, wie man so hört, auch noch von der Bank bezahlt werden.

Wundert das dann einen noch, das die kritsiche Distanz irgendwann verloren geht, wenn man so herzlich umsorgt wird? Wundert man sich noch, - ich will ein letztes Mal ein konkretes Beispiel unserer Preisträgers nennen -, wundert man sich also, wenn diese Bank vom Bundesgerichtshof erstmals in einem Streit um sogenannte Schrottimmobilien zur vollständigen Rückabwicklung verurteilt wird, und in dieser Auseinandersetzung geht es um zehntausende von Fällen , wundert man sich, dass dann rennomierte Agenturen und Zeitungen dieses Landes völlig einseitig berichten. Ausführlich schreiben, wie die Bank dieses Urteil bewertet, aber kein Wort davon zun lesen ist, was Verbraucheranwälte oder auch unabhängige Juristen dazu sagen?

Wenn ich soetwas lese, muss ich sagen, diese Kollegen haben ihren Beruf verfehlt. Wir dürfen uns nicht als wohlwollende Begleiter der Unternehmen sehen, wir sind nicht die heimlichen Pressesprecher, deren Aufgabe es ist, Managementfehler oder Innovationsschwäche mit blumigen Formulierungen herunterzuspielen. Wir müssen kritische Distanz wahren, auch und gerade in der Wirtschaftsberichterstattung. Verluste sollten wieder Verluste genannt werden und nicht, wie es Pressestellen schönfärberisch verbreiten: negative Ergebnisbeiträge oder negative Gewinne.

Ich appelliere an alle Kollegen, auch wenn ich weiß, dass ich hier beim Netzwerk Recherche eigentlich die Falschen vor mir habe: Zeigen Sie wieder mehr Distanz, ereifern Sie sich nicht nur völlig zu Recht über die Weltecke-Sause, sondern lassen Sie sich selbst ein bißchen weniger einladen!

So jetzt hätte ich fast unseren Info-Blocker vergessen. Gegenüber einem Preisträger wäre das natürlich unhöflich. Mein Apell an Herrn Schmidt und alle anderen Schmidt's in der deutschen Wirtschaft, und davon gibt es in den Vorständen und Aufsichtsräten leider viel zu viele: Sparen Sie sich so manchen Euro für Sachen, die wir gar nicht brauchen. Wir kommen auch so zu Pressekonferenzen, ohne Geschenke. Viel wichtiger aber: Lassen Sie uns vernünftig arbeiten, behindern Sie uns nicht dabei. Auf Hauptversammlungen genauso wie auch sonst in ihren Unternehmen."

Weitere Informationen:

Laudatio von Christoph Arnowski
(5 S., 18 KB)

Laudatio 2004 [PDF]