Laudatio von Roland Rino Büchel

Grüezi mitenand
Das Netzwerk Recherche vergibt die elfte „Verschlossene Auster" an einen Schweizer Verein mit einem ideellen Zweck.
Wenn es um Nichtigkeiten geht, ist dessen Vorsitzender sehr eloquent und alles andere verschlossen. So weiss bald jedes Kind, dass er mehr als zwei Monate zu früh zur Welt kam, nur halb so schwer war wie ein normales Baby und offenbar genau darum ein zäher Bursche wurde.
Als Chef trifft er die wichtigen Entscheidungen zusammen mit 23 „Engeln" und „Teufeln". Das sage nicht ich, das sagt er selbst. Es sind die Bezeichnungen, die „Le Président" seit einem guten Jahr verwendet, wenn es um seine 23 Vorstandskollegen geht.
Wer aber ist ein Engel, und wer ist ein Teufel? Das ist die entscheidende Frage. Doch die will „Le Président" partout nicht beantwortet haben.
Im Gegenteil, er hat schon acht Millionen Franken aufbringen lassen und dazu die teuersten Anwälte engagiert, um die Namen von korrupten Mitgliedern seines Exekutiv-Komitees unter dem Deckel zu halten. Somit erscheinen ein paar Teufel weiterhin als Engel. Vor den Teufeln hat er Angst, Engel kann man auch mal fallen lassen.
Dies im Moment zum Innenleben der Institution, die jedes Jahr ohne sonderlichen Aufwand einen Milliardenbetrag einnimmt.
Für den Preis kommen nun nicht mehr alle Vereine nach Artikel 60 ff des Schweizer Zivilgesetzbuchs in Frage. Davon gibt es übrigens weit mehr als 100‘000.
Bei uns existiert ein Bonmot: „Was haben drei Schweizer gemacht, wenn sie eine Stunde zusammengesessen sind? - Logisch, sie haben einen Verein gegründet."
Ich verrate Ihnen noch nicht, welcher Verein mit der Auster ausgezeichnet worden ist. Ich sage Ihnen zuerst, wer sie nicht erhalten wird. Gewonnen hat keines der zahlreichen Jodelchörli aus einem Bergdorf. Gewonnen hat auch kein Kaninchenzüchterverein. Das Werk des Marburger Künstlers Ulrich Behner geht nicht an keinen Quartierkegelclub.
Die Auster geht an einen multinationalen Konzern. Die Struktur des Unternehmens sei diejenige von einem mit Gangstern durchsetzten „Gentlemen's Club", sagt der Rechtsprofessor, der sich seit Monaten mit dessen Innenleben befasst. Der Vorsitzende des Clubs, „Le Président", spricht hingegen von einer „Familie".
Buchautor Thomas Kistner, der heute unter uns ist, denkt dabei an eine etwas spezielle, sizilianische Familienform. Er nennt das Kind beim Namen und den „Gentlemen's Club" deshalb schlicht „Mafia". Der Gentlemen's Club muss sich diese Bezeichnung aufgrund der Faktenlage gefallen lassen.
Dabei will die Familie doch nur Gutes tun und die Welt verbessern. Das hat sie sich auf die Fahne geschrieben. Und sogar in das Logo. „For the Game. For the World." Der Anführer des Clans hat seine Ambitionen auf den Friedensnobelpreis schon mehrmals kundgetan.
Wer den unzähligen Verlautbarungen des 76jährigen Familienoberhauptes Glauben schenkt - als Beispiel sei das lange Interview in der Schweizer Wochenzeitschrift „Weltwoche" Nummer 49 vom Dezember 2010 genannt - kann nicht mehr den geringsten Zweifel haben: seine Organisation ist dazu bestimmt, unseren Planeten zu retten.
Müsste die Auster oder deren „Grosse reine Perle" den Friedensnobelpreis nicht schon längst erhalten haben?
Was noch nicht ist, kann noch werden. Seit einigen Tagen gibt es eine Vereinbarung - den so genannten „Handschlag für den Frieden" - zwischen der heutigen Preisträgerin und dem „Nobel Peace Centre".
Dieses hat einen deklarierten Hauptzweck, nämlich „to promote familiarity with the lives and work of the Nobel Peace Prize laureates", also das Leben und das Wirken der Nobelpreisträger bekannt zu machen.
Nochmals: Der Friedensnobelpries ist das Lebensziel des Präsidenten der heutigen Preisträgerin. Und nicht die „Verschlossene Auster".
Schliesslich wird „Le Président" auf der bekannten Forbes-Liste der 70 allerwichtigsten Personen dieser Welt nur knapp hinter dem Dalai Lama, dem CEO von Apple und dem russischen Präsidenten geführt.
Die „Grosse reine Perle", hat nicht nur Ambitionen. Sondern auch Qualitäten. Sie kann gut „Danke" sagen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Der Journalist, der das genannte Interview für die Weltwoche führte, steht heute im Sold der Auster. Er darf sich „Direktor für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit" nennen und ist für deren umfangreiche PR-Aktionen verantwortlich.
Bei den wirklich relevanten Fragen jedoch, da amtet der ehemalige Journalist quasi als Zuhalter. „Zuhalter", habe ich gesagt. Das Wort hat kein „ä". Trotzdem, ein paar journalistische Grundsätze über Bord werfen und sich ein bisschen prostituieren, das muss man schon, wenn man sich entscheidet, „his Master's Voice" zu werden und sein Einkommen zu verzehnfachen.
In jüngster Zeit hat der Gentlemen's Club nicht nur die PR-, sondern auch die Lobbyarbeit ausgebaut. Einer der Gründe für die Hysterie im Umfeld der „Grossen reinen Perle" mag ein „offener Brief" gewesen sein. Ich schrieb ihn am 11. Januar 2011 als Antwort auf die diversen Interviews, welche die „Grosse reine Perle", alias „Le Président", damals um den Jahreswechsel gegeben hatte.
Noch am Tag, als mein Schreiben im Briefkasten des Gentlemen's Club landete, sandte jener eine Einladung an sämtliche 246 eidgenössischen Parlamentarier.
Der Anlass war ein Flop. Nur jeder zwanzigste Abgeordnete wollte dem Hausjuristen der ehrenwerten Gesellschaft zuhören, als er im nobelsten Berner Hotel darlegte, wie wichtig sie für die Schweiz sei. Er verschwendete keinen Gedanken darüber, dass sie auch ein Reputationsrisiko für unser Land bedeuten könnte.
Insgesamt war die Welt noch in Ordnung. Und die „Grosse reine Perle" ging davon aus, dass die Politik wie gewohnt nach ihrer Pfeife tanzen würde. Die ehrenwerte Gesellschaft liess uns Schweizer Volksvertreter sogar wissen, dass sie - was für ein Glück für uns alle - nicht über dem eidgenössischen Recht stünde.
Wenn die Clanmitglieder oder Angestellte jener Milliardenfirma also eine kriminelle Tat begehen, müssen sie genauso ins Gefängnis wie zum Beispiel die Lebensmittel-Verkäuferin, welche das gleiche Delikt begeht...
Was ist seither passiert?
Mein parlamentarischer Vorstoss mit dem Auftrag an das Sportministerium, die Korruptionsprobleme im Sport resolut anzupacken und Lösungen zu präsentieren, wurde im Nationalrat ohne eine einzige Gegenstimme angenommen.
Dann wurde die Sache in der zweiten Kammer und in der Verwaltung verschleppt. Das war unklug.
Umso härter kam der Keulenschlag aus Strassburg. Der Europarat verabschiedete vor fünf Wochen eine Resolution. Sie basiert auf einem präzisen 21seitigen Bericht und zielt mitten ins Herz der heutigen Preisträgerin.
Das Papier kommt in 124 akribisch aufbereiteten Punkten zu einem vernichtenden Urteil. Der Europarat verlangt, dass im Gentlemen's Club ein für alle Mal aufgeräumt wird und stellt sogar die Wahl dessen Oberhauptes zur Diskussion.
Was schreibt Europa zur Korruption innerhalb der Institution? Ich zitiere aus der Resolution, die fast einstimmig verabschiedet wurde:
„Selbstregulierung ist sehr wichtig. Aber wenn die Probleme nicht aufhören, sollten Regierungen einschreiten. Autonomie ist für die Interessen des Sports da, nicht für die Interessen von skrupellosen Individuen", lauten die unmissverständlichen Worte aus Strassburg.
Jetzt wissen Sie, in welchem Gesellschaftsbereich die Auster tätig ist, nämlich im Sport.
Es ist noch nicht lange her, da hatte die „Grosse reine Perle" standhaft behauptet, dass es in der Auster keine Korruption gäbe.
Die bereits vor vier Jahren gerichtsfest bewiesenen Schmiergeldzahlungen von mehr als 140 Millionen Franken, die zu einem grossen Teil an die Perlen der „Verschlossenen Auster" gingen, änderten nichts am Selbstverständnis der „Grossen reinen Perle".
Dass diese von Demokratie nicht viel hält, ist augenscheinlich. „Wenn ein Diktator einer ist, der diktiert, dann bin ich ein Diktator", sagte die „Grosse reine Perle" jüngst in verschiedenen TV-Interviews.
Wie kam es dazu, dass der Diktator im letzten Jahr plötzlich anfing, von himmlischen und höllischen Gestalten zu fabulieren? Der Grund ist klar: Eine der 23 Perlen wollte selbst zur „Grossen Perle" werden, und zwar diejenige, welche der Diktator einst seinen „Bruder" nannte. Das war zu viel des Unguten. Darum wurde aus dem „dear brother" ein etwas weniger dearer „devil".
Die Wahl zur „Grossen Perle" fand übrigens heute auf den Tag genau vor einem Jahr statt. Der als „Teufel" bezeichnete Herausforderer hatte sich wenige Tage vorher unter mysteriösen Umständen zurückgezogen.
Bevor ich Ihnen mehr über das Innenleben der Auster sage, gibt es etwas zu Slobodan. Ich war gerade darin vertieft, diese Zeilen in den Computer zu tippen, als der junge Mann sich im Zug zu mir setzte. Er kam vom Muskeltraining und fragte mich im typischen Slang der Jungen: „Hey Mann, was hackst Du da in Deine krasse Maschine?"
Ich antworte, dass ich daran sei, eine Laudatio auf die „Verschlossene Auster" zu verfassen. Weil er wissen wollte, was so ein „Lauda-Ding" denn sei, versuchte ich, es zu erklären. Dabei rutschte mir der Name der Preisträgerin heraus.
Wegen dieser Unachtsamkeit wusste ein junger Mann schon ein paar Tage vor Ihnen, wer heuer mit der „Verschlossenen Auster" ausgezeichnet wird.
„Hey Mann, Du machst Deinen „Lauda-Toni" nicht für eine normal verschlossene Auster, wo jeder knacken kann", schoss es aus ihm heraus. Er klopfte mir dabei anerkennend und etwas gar fest auf die Schulter. „Hey, Deine Muschel ist krass eine voll integral verschlossene Auster."
Der Begriff gefällt mir. Ich kürze ihn ab und verwende nur die Anfangsbuchstaben von „Voll Integral Verschlossene Auster". Ich nenne den Preisträger von jetzt an VIVA. Das Copyright gehört Slobodan.
Schauen wir uns den nicht gewinnorientierten Verein, der die Auster erhalten wird, etwas genauer an:
Die „Voll Integral Verschlossene Auster", also die VIVA, zählt einen Präsidenten und 23 ehrenamtliche Spitzenfunktionäre in ihren Reihen. Das wissen Sie schon. Zudem hat die VIVA 390 Angestellte in der Administration. In der letzten Woche waren viele von ihnen in Ungarn.
Schon im Vorfeld schienen sich die Perlen auf den Aufenthalt dort zu freuen. Die Ankündigung auf der Webseite der VIVA lautete: „Die Perle an der Donau, wie Budapest auch genannt wird, bietet der VIVA eine malerische Kulisse für ihren 62. Kongress, bei dem die 208 Mitgliedsverbände über weitreichende Reformen in den Bereichen Good Governance, Compliance und Ethik befinden werden."
- "Reformen"
- "Good Governance"
- "Compliance"
- "Ethik"
Das sind gar grosse Begriffe für die patriarchalisch geführte VIVA, die es seit 108 Jahren gibt.
In Budapest wurde beschlossen, bald zum ersten Mal eine weibliche Perle in den Altherrenzirkel aufzunehmen. Wenn man die VIVA in diesem Tempo weitermachen lässt, werden frühestens unsere Urenkel etwas von ernsthaft gelebter Good Governance und Ethik in der VIVA spüren.
Nur nebenbei: Kennen Sie das schweizerische „Unwort des Jahres 2010"? - „VIVA-Ethikkommission".
Wechseln wir von der Pseudoethik zur konkreten Raffgier. Wie vergolden sich die Perlen der VIVA ihre Nasen?
Die VIVA schüttete im letzten Jahr 96.8 Millionen Dollar an Löhnen, Zahlungen an Ehrenamtliche und Boni (67.3 + 29.5 = 96.8 Mio) aus. Das macht bei 414 Personen 233‘000 Dollar pro Kopf.
Nimmt man die Luxus-Sozialleistungen der VIVA dazu, dann weist die Rechnung sogar 118.5 Millionen Dollar aus (89 + 29.5 = 118.5 Mio). Das macht im Schnitt 286‘000 Dollar pro Person.
Nicht übel für einen nicht gewinnorientierten Verein mit extremen steuerlichen Privilegien und einem ideellen Zweck.
Für den Europarat sind solche Vergütungen schlicht jenseits von Gut und Böse. Wenn wir etwas genauer hinschauen, kommt es noch dicker.
Seit 2004 wird in aller Stille viel Geld für so genannt „kurzfristig fällige Leistungen" ausbezahlt. Das sind zum allergrössten Teil Boni für die „Grosse Perle" und deren 23 Mitperlen. In den letzten acht Jahren hat der nicht gewinnorientierte Verein VIVA seinem ehrenamtlichen Vorstand und dem Präsidenten, der nach eigener Darlegung keinen Lohn nimmt, sondern nur eine „Entschädigung" erhält, mehr als 100 Millionen Dollar an Boni zukommen lassen.
Früher gab es keine Bonuszahlungen. Da liessen sich die Perlen von aussen mit Sauerstoff versorgen.
„Oxygène", also Sauerstoff, so nennen Insider die Schmiergeldzahlungen von 140‘785‘618 Franken und 93 Rappen, welche die damals führende Sport-Agentur zahlreichen Sportfunktionären während zwölf Jahren zuschanzte. Heimlich und über allerlei verschlungene Wege.
Eine Frage interessiert mich brennend: Wer nahm die 93 Rappen?
Empfänger schwarzen Geldes gab es nicht nur unter den 23 VIVA-Perlen. Es waren, das belegen Gerichtsakten, auch Perlen des Preisträgers von 2008 darunter: Offenbar konnten heute noch stimmberechtigte Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees dank des verabreichten Sauerstoffs besser atmen!
Logisch, dass die Schmiergeldagentur Konkurs ging. Die Luft war ihr ausgegangen. Nach dem Tod jener „Sugar-Mama" aus dem schönen Schweizer Städtchen Zug musste ein neuer Sauerstoff-Lieferant her. Die VIVA fand eine hausinterne Lösung.
Ein solches Husarenstück war nur möglich, weil die TV- und Marketingrechte der Schmiergeldagentur nach deren Konkurs auf geradezu wundersame Art an die VIVA gingen. Anstatt in die Konkursmasse, wie es sich gehört hätte.
Dank dieser neuen milliardenschweren Lizenz zum Gelddrucken konnten allein in den letzten beiden Jahren mehr als 60 Millionen Dollar für „kurzfristig fällige Leistungen" ausgeschüttet werden.
„Le Président" und jedes einzelne seiner 23 ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder bedienen sich - im Schnitt - mit jährlich rund einer Million Dollar aus der VIVA-Kasse.
Haben diese neuen Boni die alten Schmiergeldzahlungen ersetzt? Ein Schelm, wer einen Zusammenhang sieht und Böses dabei denkt.
Zum Schluss muss ich Ihnen noch zwei wichtige Dinge mitteilen:
a) wer die Auster gewonnen hat und
b) dass wir Schweizer manchmal Mühe haben, das „V" wie „Vögeli" vom „F" wie Fussball zu unterscheiden.
Die diesjährige „Verschlossene Auster", oder die gemäss Slobodan „Voll Integral Verschlossene Auster" geht an die Féderation Internationale de Football Association.
Oder kurz gesagt: Die VIVA geht an die FIFA.