Salto Lokale. Das Chancenpotential lokaler Öffentlichkeit. Zur Lage des Lokaljournalismus

Hier klicken zum Herunterladen der Studie von Fritz Wolf.

Der Lokaljournalismus wird in Deutschland vernachlässigt, das Chancenpotential nicht genutzt – Vorstellung des Reports „Salto Lokale“

Regional- und Lokalzeitungen sind bisher die offensichtlichen Verlierer der Zeitungskrise.
Dies ist der zentrale Befund einer Analyse mit dem Titel „Salto Lokale – Das Chancenpotential lokaler Öffentlichkeit“, die im Auftrag des  „Mainzer Medien Disputs“ erarbeitet wurde.
Diese Entwicklung ist besonders bedenklich, denn damit gehen nicht nur journalistische Arbeitsplätze verloren, sondern auch demokratisches Potential. Lokaljournalismus, in welcher Form auch immer, ist eine wichtige Voraussetzung für politische Meinungsbildung und politische Teilhabe. „Lokaljournalismus wird heute von den Verlegern häufig wie das fünfte Rad am Wagen behandelt, obwohl lokale Informationen für die Bürger erstrangig sind und oft erst eine aktive Teilhabe im Gemeinwesen ermöglichen,“ so Prof. Dr. Thomas Leif bei der Vorstellung des Reports in Berlin. „Lokalredaktionen müssen konsequent ausgebaut werden, damit sie ihren zentralen Auftrag der kommunalen Politikvermittlung
erfüllen und die gefährliche Entfremdung zwischen lokalen Eliten und der Bürgerschaft
reduzieren können.“

Auf Grund der besonderen Bedeutung der Lokalzeitungen für eine vitale lokale Demokratie  legt der Mainzer Medien Disput zur diesjährigen Konferenz mit dem Titel „Öffentliche Betäubung und bestellte Wahrheiten“  (24. und 25.11.2010 im SWR und ZDF Mainz) den Report vor, der die Chancen lokaler Öffentlichkeit auslotet. Autor des Reports ist der Medienjournalist Fritz Wolf. Die Untersuchung analysiert den Stand des Lokaljournalismus aus unterschiedlichen Perspektiven:  aus der Sicht von Chefredakteuren, Kommunikationswissenschaftlern, regionalen Bloggern, Gewerkschaftern und Volontären.

Wesentliche Ergebnisse des Reports:

- Qualität im Lokaljournalismus ist eine zentrale Voraussetzung. Das sehen auch die Verlage so. In der Realität fahren sie aber oft einen einschneidenden Sparkurs, schließen Lokalredaktionen, bauen Personal ab oder scheren aus den Tarifverträgen aus. Aber Qualität ist nicht möglich, wenn die  Arbeitsbedingungen schlecht, die  Redakteure unterbezahlt und die Freien Mitarbeiter mit Niedrighonoraren abgespeist werden. Durch Personalabbau lässt sich nicht mehr Qualität erreichen. Der Medienwissenschaftler Horst Röper (format Institut)  sieht als Tendenz, dass sich „ein neues Verständnis von Lokalberichterstattung etabliert“. Er befürchtet, „dass es zu Dysfunktionen kommen wird, die das gesellschaftliche Leben in allen Bereichen tangieren.“

- Lokaljournalismus lässt sich nicht über einen Leisten schlagen. Jede Stadt, jede Region hat  ihre Eigenheiten, die die Lokalzeitung mit ihren Mitteln aufgreifen muss. Der Report zeigt verschiedene Erfolgs-Beispiele, wie Redaktionen kreativ agieren können.

- Die Verlage haben sich in Medienhäuser umbenannt, alle Publikationen erscheinen inzwischen auch Online. Das allerdings auf sehr unterschiedlichem Niveau. Viele Verlage betrachten Online immer noch nur als Zweitverwertung der Zeitungstexte. Online-Publizistik folgt aber anderen Gesetzen. „Online ist nicht die Verlängerung der Zeitung, sondern die Zeitung ist die Verlängerung von Online“, so definiert Horst Seidenfaden, Chefredakteur der Niedersächisch/Hessischen Allgemeinen die lokaljournalistische Zukunft aus seiner Sicht. Festzustellen ist: Die Möglichkeiten von Online sind vielfach noch nicht ausgeschöpft. Es fehlt dazu auch an Weiterbildung der Redakteure, an entsprechender Ausbildung und Ressourcen-Ausstattung.

- Lokalzeitungen können eine wichtige kommunal- oder regionalpolitische Aufgabe erfüllen. Lokalredaktionen sind aber auch eng in den politischen Alltag und die regionale Machtarchitektur  eingebunden und damit häufig auch in Gefahr, den regionalen und lokalen Autoritäten zu nahe zu stehen. Wissenschaftler raten deshalb dringend zu einem Perspektivwechsel: auf Augenhöhe mit den Lesern und nicht auf Augenhöhe mit den lokalen Autoritäten. Klüngel, Filz und Korruption sind Herausforderungen, die Lokalredaktionen zu häufig nicht annehmen.

- Wissenschaftler zeigen auch, dass es in vielen Lokalredaktionen am journalistischen Know-how fehlt – ein Umstand, der oft nicht den Redakteuren, sondern den Arbeitsbedingungen geschuldet ist. Lokalzeitungen brauchen größere journalistische Vielfalt, mehr mutige Kommentare, mehr Reportagen und mehr persönlich adressierten Journalismus.

-  Eine gute Lokalzeitung darf sich weniger denn je die Themen vor die Nase setzen lassen. Sie muss ihre Geschichten selbständig entwickeln und nach eigener Agenda behandeln. Recherche im Lokalen ist dabei zwar schwierig, aber unabdingbar und vor allem auch möglich. Dafür müssen allerdings die Redaktionen hinreichend personell und finanziell ausgestattet sein. Das gilt auch für den Online-Auftritt. „Zeit zur intensiven Recherche bleibt  zumindest in den mittleren und kleinen  Lokalredaktionen nur, wenn man dafür die Freizeit opfert“, sagen Lokalredakteure immer wieder. 

- In einigen Städten haben unabhängige lokale Blogs begonnen, sich publizistisch in die Politik einzumischen. Manche sehen darin eine Chance, dem Lokaljournalismus als publizistisches Gegengewicht  auf die Beine zu helfen. Nach bisherigen Erkenntnissen können Blogs die lokale Publizistik ergänzen, aber professionellen Journalismus nicht ersetzen. Bisher sind unabhängige Blogs keine wirkliche publizistische Konkurrenz und können sich auch wirtschaftlich nicht auf professionellem Niveau halten.  

- Lokalblätter müssen sich stärker und direkt ihren Lesern und deren Interessen zuwenden.  Darüber sind sich die Macher einig. Online eröffnet nun neue Möglichkeiten, Leser über interaktive Tools stärker an die Lokalzeitung zu binden. Wissenschaftler sagen, dass die Leser von ihrer Lokalzeitung informiert und unterhalten werden wollen. Das Lokale ist den Lesern das Wichtigste, aber sie wollen auch den Überblick. Zugleich erwartet eine Minderheit von Lesern auch aktivere Kommunikation, an der sie sich selbst beteiligen können. Derzeit sind viele Spielarten zwischen pseudopartizipartiven Angeboten und seriöser Teilhabe an der öffentlichen Kommunikation zu finden, die Entwicklung ist zukunftsoffen.

- In sehr unterschiedlicher Weise präsentieren Lokal- und Regionalzeitungen ihren lokalen Stoff. Einige Blätter haben entschieden, dem Lokalen absolut den Vorrang zu geben: nach dem Motto „Lokal first“. Das kann aber nur funktionieren, wenn im Lokalen auch relevanter Stoff bearbeitet wird. Was relevant ist, hängt auch von der Position der Zeitung ab, von spürbarer Nähe zu den  Lesern und von ausreichender Besetzung der Redaktionen. Wissenschaftler befinden, „dass die Tageszeitung auch in Zukunft eine  fundierte Gesamtsicht bieten muss“. 

Aus den Recherchen des Reports lassen sich einige Empfehlungen ableiten, was sich ändern muss, um die lokale Kommunikation zu verbessern.

Es wird vor allem um Qualitätssteigerung auf verschiedenen Ebenen ankommen. Deutliche Zuwendung zu den Lesern, besserer Einsatz des journalistischen Handwerks, qualifizierte Online-Auftritte und ein besseres Berufsimage des Lokaljournalismus – das vor allem sollten Lokalzeitungen im Blick haben, wenn sie die Medienkrise und die Konkurrenz des Internets einigermaßen unbeschadet überstehen wollen. Da die Gefahr besteht, dass  lokale Berichterstattung aus ökonomischen Gründen weiter verschwindet, muss sich auch die Medienpolitik mit dieser Frage befassen: mit welchen Mitteln kann künftig sichergestellt werden, dass sich die Bevölkerung ausreichend aus professionell-journalistischer Quelle über das lokale Geschehen informieren kann? Diese Zukunftsaufgabe ist  durchaus mit der Frage verbunden, ob und mit welchem Ziel steuernd und unterstützend  in den Markt eingegriffen werden soll?


 

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