17. Februar 2012, 11:48 — Simon Gramss
“Ich stelle immer wieder fest, dass wir mit unseren Talenten verantwortungslos umgehen.” Mit diesen Worten machte Dokumentarfilmer Andres Veiel in einer Diskussion des Deutschlandradios anlässlich der Berlinale und bei der Mitgliederversammlung der AG DOK auf die Vernachlässigung des Genres im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufmerksam. Die Etats für Dokumentationen seien auf ein Niveau geschrumpft, das für die bestens ausgebildeten Filmemacher oft kaum zum Leben reiche.
Während aufwendige Dokumentationen mit Sendeplätzen um Mitternacht leben müssen, erhalten billig produzierte Doku-Soaps immer mehr Raum im deutschen Fernsehen. Im Kino dagegen erleben wir eine Renaissance des Dokumentarfilms. Über diesen Widerspruch sprach im Deutschlandradio Susanne Burg mit den Dokumentarfilmregisseuren Andres Veiel und Annekatrin Hendel, sowie mit Kristian Kähler (Geschäftsführer der Produktionsfirma fernsehbüro) und Martina Zöllner (Kultur-Chefin des SWR). Die Diskutanten betrieben nicht nur Ursachenforschung, etwa hinsichtlich der mangelnden finanziellen Ausstattung, sondern beleuchteten auch die Chancen des Dokumentarfilms, wie dies auch auf dem Talent-Campus der Berlinale geschehen ist, wo die Dokumentarfilmer Victor Kossakovsky und Sophie Fiennes die Notwendigkeit der intensiven Vorbereitung betonten “to get a feeling where to go”. Man könne nicht einfach losmarschieren, sondern müsse sich mit der Materie vertraut machen, damit man die besonderen Perspektive angemessen in den Filmen transportieren könne.
netzwerk recherche wird sich bei seiner Jahreskonferenz 2012 in einem Schwerpunkt mit Dokumentarfilm und Dokumentation auseinandersetzen. Das Programm erscheint Ende März.
Kategorie: Medienkritik
16. Februar 2012, 13:39 — Simon Gramss
Was zunächst klingt wie der Versuch eines neuen, actiongeladenen Kassenschlagers, ist vielmehr das Ergebnis einer investigativ-journalistischen Schwerstarbeit.
Das Dokumentationszentrum anstageslicht.de , das sich gemäß seines Namens darum bemüht, Geschichten und Ereignisse zu heben, die sonst beim Einsatz konventioneller Recherchepraxis im Verborgenen bleiben, hat kürzlich die Reportage des Pseudonyms Thomas Kuban vorgestellt. Dieses hatte sich über 10 Jahre in der Szene bewegt und bei mehreren rechtsradikalen Konzerten verdeckt Ton- und Filmaufnahmen anfertigen können.
Eine konspirative Vorgehensweise in einer ebenso konspirativen Szene. Exemplarisch hierfür ist das Credo der Lügenpresse, das unter anderem von Holger Apfel, einem der wenigen öffentlichen Köpfe der Szene, hochgehalten wird. Deshalb müssen neben Journalisten in der Regel auch Forscher auf Interpretationen von Textmaterialien und vereinzelte Aussagen von Aussteigern zurückgreifen. Doch selbst wenn es mit diesem Material gelungen ist, ein einigermaßen kohärentes Bild der rechtsextremen Lebenswelt zu zeichnen, ist das Filmmaterial wie das von Kuban unumgänglich. Nicht so sehr als Bestätigung, was im Prinzip schon bekannt ist, sondern als Warnzeichen eines whistleblowers , welche Anziehungskraft diese Ideologie besitzt und wie sie in ihrem Sinne ihre Anhänger zu konkretem, gewalttätigem Handeln auffordert.
Ein Warnzeichen, das in der öffentlichen Wahrnehmung nur unzureichend Platz finden konnte. In einem Interview beklagt Cuban das Interesse der einschlägigen Politmagazine an simplen Erzählungen mit entsprechend hohem Skandalfaktor. Um so wichtiger erscheint es deshalb, das Thema in seiner Komplexität zu betrachten. Wer dies tun möchte, kann sich einerseits auf der oben erwähnten Interseite genauer umsehen, andererseits kann er sich den Film “Blut muss fließen” ansehen, der die Recherche Kubans behandelt, und am 16.02.12 auf der Berlinale seine Premiere feiert.
Kategorie: Recherchepraxis
10. Februar 2012, 15:31 — Simon Gramss
- Mit vocer.org ist seit kurzem ein neues Portal zur Medienkritik und -debatte online. Mit einem Schwerpunkt auf die sog. Slow Media möchte das Portal nach eigenen Angaben “analytische, meinungsstarke und durchaus medienphilosophische Texte, Bildstrecken und Videos” präsentieren, ohne sich dem Druck des schnelllebigen Medienalltags beugen zu müssen.
- vom 21. bis zum 25.3. findet die Linke Medienakademie statt. Neben linker Politprominenz und ansprechenden Podiumsdiskussionen (z.B. über gesellschaftliche Ursachen von Rechtsextremismus) gibt es Workshops, die nach verschiedenen “Schwierigkeitsgraden” gestaffelt sind. Dadurch ist diese Veranstaltung sowohl für Einsteiger als auch für Experten ein Anlaufpunkt. Weiter Informationen finden sich unter lima12.de
- Mit dieser Pressemitteilung schlägt Transparency Deutschland den Pharmakonzern Roche für die verschlossene Auster 2012 vor. Hintergrund ist die Weigerung der Firma alle Forschungsergebnisse für das Mittel Tamiflu zu veröffentlichen, das mit einer hohen Wirksamkeit und Vorbeugung beworben wurde und zu großen Mengen von verschiedenen Staaten im Jahr 2009 angekauft wurde. Eine alternative Studie der Cochrane Collaboration ließe laut Transparency jedoch hohe Zweifel an der beworbenen Wirksamkeit aufkommen.
Kategorie: Medienkritik
10. Februar 2012, 15:22 — Simon Gramss
Ende Januar kam es in Leipzig zu einer NR-Premiere: dem ersten Stammtisch in Ostdeutschland in der Geschichte des Netzwerkes. Die Resonanz war enorm. Angemeldet hatten sich Mitglieder aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mit 21 Teilnehmern des Stammtisches war der Auftakt dann auch ein voller Erfolg. Erfolgreich war auch die Vernetzung der Teilnehmer über Medien- und Redaktionsgrenzen hinweg. Neben einem knappen Dutzend MDR-Journalisten waren vor allem Journalisten der Leipziger Volkszeitung (LVZ) und von freien Journalistenbüros (Mediendienst Ost) gekommen. Dazu noch freie „Einzelkämpfer“, Studenten und Redakteure von Online-Publikationen.
In einem Impulsreferat berichteten Marcus Weller und Inga Klees (beide MDR – FAKT) von ihren Recherchen rund um die Zwickauer Zelle (NSU – Nationalsozialistischer Untergrund). Besonders kritisch wurde auf das Spannungsfeld von beteiligten Diensten und der gezielten Lancierung von Informationen eingegangen. So zeige sich bei den Recherchen zu den Rechtsterroristen besonders, wie mit Teilinformationen oder Halbwahrheiten bewusst versucht würde, Spuren in die Ämter zu verwischen. Auch fiele immer wieder auf, wie gezielt Geheimdokumente „geleakt“ würden, um von eigenen Fehlern abzulenken.
Anschließend kam es zu einer regen Diskussion generell über die Möglichkeiten investigativer Recherche in Ostdeutschland. Von einer Erfahrung konnten alle Teilnehmer berichten: den schwierigen Arbeitsbedingungen für Journalisten in Sachsen. Besonders kritisiert wurde die teilweise rüde und gutsherrenhafte Behandlung von Journalisten durch die Pressestellen der Landesministerien. Journalisten, die zur Funkzellenabfrage durch die Dresdner Polizei im Februar 2011 recherchiert hatten, berichteten etwa von teilweiser Willkür und Schikane durch Landesbehörden.
Der nächste Stammtisch findet am 5. März 2012, um 19 Uhr in Leipzig statt.
Aktuelle Informationen zu diesem und anderen Stammtischen sind auch hier verfügbar.
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10. Februar 2012, 15:21 — Günter Bartsch
Am 24./25. März veranstaltet netzwerk recherche zusammen mit dem Henri Nannen Preis die Konferenz „Daten, Recherchen, Geschichten“ mit den Schwerpunkten Datenjournalismus und Online-Recherche. Das Programm wird demnächst veröffentlicht, die Anmeldung ist bereits möglich unter daten.netzwerkrecherche.de
Am 1./2. Juni (Juno!) findet die nr-Jahreskonferenz in Hamburg statt. Das Programm geht Anfang März online. Nähere Informationen und Anmeldung unter jahreskonferenz.netzwerkrecherche.de
Kategorie: Recherchepraxis